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Quintessence Vol. 1

Stan Getz Quartett, Chet Baker

Concord/Edel Contraire CCD-4807-2
(2/1983) 1 CD

Im Februar 1983 gingen Stan Getz und Chet Baker, zwei Ikonen aus der Zeit des frühen Cool Jazz, gemeinsam auf Europatournee. Von Anfang an stand das Unternehmen unter schlechten Vorzeichen: Getz versuchte gerade mal wieder, von Alkohol und Drogen loszukommen, während Baker über ein europaweites Netz von Dealern verfügte. Da Getz zudem am Beginn einer langwierigen Ehescheidung stand, waren seine Nerven nicht die besten: Er verlangte, auf der Tour stets getrennt von Baker zu fliegen und zu wohnen.
Geholfen hat es nichts: Die Drogen verfolgten Baker bis hinter die Bühne, nach wenigen Tagen war Getz rückfällig geworden, und bei nächster Gelegenheit flog Baker aus der Band. Trotz aller Querelen spielte Getz sein Saxofon mit abgeklärter Klassizität: melodisch üppig, emotional unauslotbar, nach Bedarf rauh oder butterweich. Baker, der zu jedem zweiten Gig gar nicht erst auftauchte, bläst seine zärtlich berührenden, schüchternen Trompeten-Chorusse, rückt aber vor allem als Sänger in den Vordergrund.
Große Augenblicke: Getz und Pianist McNeely schaffen den rhapsodischen Goldschmuck, Baker singt und scattet - nicht wie ein Songinterpret, sondern schmal und nackt - eben wie eine vokale Baker-Trompete. Die zaghaften Versuche, ein Thema gemeinsam zu blasen oder gar im Duett zu improvisieren (nach Art des legendären Mulligan-Baker-Quartetts), scheitern dagegen ziemlich kläglich. Im Gillespie-Standard “Dizzy Atmosphere” wird sogar schulmäßig geboppt, aber beide Bläser verlieren darüber ihr Charisma, das nach dem gemächlich schreitenden Tempo der Ballade verlangte. In diesem Punkt waren Getz und Baker eben doch Seelenbrüder.

Hans-Jürgen Schaal, 31.01.1999



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