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Escalator Over The Hill

Carla Bley

JCOA/ECM/Universal Jazz 839 310-2
(120 Min., 1968 - 1971) 2 CDs

Die Originalaufnahme der legendären Jazzoper “Escalator Over The Hill”, die zwischen 1968 und 1971 entstand, kann heutzutage als zeitgeschichtliches Dokument gehört werden. Mit dem gesellschaftspolitischen Umbruch jener Zeit ging eine kreative Aufbruchstimmung, eine plötzliche Öffnung der künstlerischen Horizonte einher, die wohl in kaum einer anderen Produktion so lebendig eingefangen ist. Eine schier grenzenlose musikalische Experimentier- und Abenteuerlust wischt Stil- und Genregrenzen mit faszinierender Unbekümmertheit weg - und das, lange bevor der Begriff Multistilistik zum modischen Schlagwort wurde.
Zusammengehalten wird das Ganze mehr oder weniger von Paul Haines’ Libretto, das parallel zur Musik erst im Lauf der dreijährigen Entstehungszeit Gestalt annahm. Eine Handlung gibt es praktisch nicht, und die Texte der obskuren Charaktere ergehen sich in bedeutungsschwangeren Nichtigkeiten. Trotzdem scheint die dramaturgische Anlage das musikalische Stilgemisch zu rechtfertigen. Verschiedene Formationen treten in Erscheinung. Da ist die Hotel Lobby Band, eine zwischen Salonmusik und Free-Jazz changierende Bläserbesetzung, in der vor allem Gato Barbieri und Roswell Rudd als Solisten glänzen. Dann Jack’s Travelling Band, mit dem auch als Sänger eingesetzten Jack Bruce und dem furiosen John McLaughlin, die zusammen wahre Free-Rock-Feuerwerke abfackeln, am Schlagzeug von Paul Motian leider nicht mit der wünschenswerten Energie eines Rockdrummers unterstützt.
Um Don Cherry gruppiert sich die Desert Band mit ihrer indisch geprägten Weltmusik, und in der Person Linda Ronstadts wird selbst Country eingeführt. In Duetten mit ihr entpuppt sich Carla Bley auch als talentierte Vokalistin. Da muß man im nachhinein direkt froh sein, daß diese außerordentlich kreative Musikerin nicht wie einige männliche Kollegen - man denke an Nat King Cole oder George Benson - ihre Jazzlaufbahn gegen eine Karriere als Gesangsstar getauscht hat.

Jürgen Schwab, 31.03.1998



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