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Ludwig van Beethoven

Neun Sinfonien

Camilla Nylund, Iris Vermillion, Jonas Kaufmann, Franz-Josef Selig, Gächinger Kantorei Stuttgart, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Roger Norrington

Hänssler/Naxos 93.084 (Nr.1+2); ...085 (Nr.3+4); ...086 (Nr.5+6); ...087 (Nr.7+8); …088 (Nr.9)
(2002)

Zu vermelden ist schlichtweg eine Sensation. Allerdings keine, die voraussetzungslos aus dem Nichts gekommen wäre, sondern eine folgerichtige. Seit seiner Einspielung von 1987 darf sich Roger Norrington der Pionier der historischen, besser: historisierenden Aufführungspraxis auf dem Terrain der Beethoven-Sinfonien nennen. Nun, mit seiner Stuttgarter Neueinspielung, setzt der Engländer - mit einer Ausnahme - einen weiteren Meilenstein der inzwischen durch Gardiner und Zinman pointiert vorwärts getriebenen Beethoven-Exegese. Es ist gewissermaßen auch ein interpretatorischer Schlusspunkt: das Projekt der entromantisierenden Beethoven-Deutung kommt hier insofern an ein Ende, als die Radikalität, mit der Norrington die Bibel aller modernen Orchestermusik durchleuchtet, nicht mehr gesteigert werden kann - jedenfalls nicht in eine sinnvolle Richtung.
Um im Bild zu bleiben: die Zeiten, in denen man diese Bibel als schöngeistige Erbauungsliteratur oder als teutonisch-schwergewichtige Heroenapotheose verstand, scheinen äonenweit weg; hier ertönt stattdessen eine lutherische Anklageschrift, die uns Norrington nur so um die Ohren haut. Der Wandel zeigt sich auch in der instrumententypischen Spielweise: die romantisch-spätkarajanesk einlullende Geige ist endgültig zertrümmert. Die Tatsache, dass in Stuttgart authentisch: vibratolos bzw -arm, mit kurzen Phrasierungen im Auf- und Abstrich, auf modernen Instrumenten musiziert wird, belegt nicht nur die frappierende Wandlungsfähigkeit dieses traditionellen, in der Regel nicht-authentisch aufspielenden Sinfonie-Orchesters; seine Stilsicherheit zeigt auch, dass Norrington hier in Stuttgart weit konsequentere und vehementere Ergebnisse erzielt hat als Abbado oder Rattle in Berlin und Wien. Das Stuttgarter Klangbild dominieren schneidend scharf und obertonreich auftrumpfende (Natur-)Trompeten und Hörner im Verbund mit pedallosen, mit harten Holzschlegeln traktierten Pauken, die nicht selten und ganz ungewohnt (wie in der ersten Sinfonie) als quasi-solistische Akteure auftreten.
Schon die Tempowahl - weitgehend nach Beethovens Metronomangaben - frappiert. Die mit Andante überschriebenen Abschnitte dümpeln nicht wie sonst dahin, sondern gewinnen ihren (alt-historisch) drängenden Schritt zurück. Und wie sonst kaum ist hier Beethovens Lust an rabiater Kontrastschärfe zu goutieren, sowohl im Tempo (bei den wirklich langsamen Adagio-Einleitungen etwa der Ersten und Vierten), als auch und vor allem in der Dynamik: hier erhält man erstmals ein realistisches Bild von Beethovens exzessiv harten Akzentschlägen, mit denen viele seiner Partituren durchsetzt sind. Apropos: dass die del-Maar'sche historisch-kritische Bärenreiter-Ausgabe Norrington zwar Richtschnur, aber keine sklavisch zu befolgenden Norm ist, zeigt beispielsweise die fünffache Dissonanzballung im Eroica-Eröffnungssatz, die Norrington zusätzlich crescendierend sich entladen lässt. Und dass der Triller-Vorhalt der Violinen im zweiten Satz der Pastorale lange ausmusiziert wird und bislang nicht vernommene Begleitfiguren hervortreten, das verblüfft und überzeugt vollkommen in seiner Wirkung.
En gros lässt Norrington vor dem inneren Auge französische Revolutionstruppen stürmisch aufmarschieren: an diesem authentisch-zeitgenössischen Aufhänger scheint sich sein wild gegen alle Traditionsverkrustungen wütender Stuttgarter Beethoven zu orientieren. So werden die Fünfte und Siebte zu hinreißenden Parforceritten, dazu passend kommt die "Marcia funebre" der Eroica ganz und gar nicht als tief schürfend in sich versunkene Trauerode daher, sondern als radikal unpathetische, gleichwohl fesselnde Prometheus-Apotheose.
Und jene Ausnahme? Man ahnt es: es ist (mal wieder wie sooft in den Gesamteinspielungen) die Neunte. Seltsamerweise nimmt Norrington hier vielerorts seine Tempo-Maxime zurück, ja er verfällt im berüchtigten Mittelteil des zweiten Satzes in alt gewohnte Betulichkeit (welche Presto-"Revolution" hat hier hingegen Zinman inszeniert!). Und die Prestissimo-Stretta im Chorfinale verdient ihren Namen nicht. (Ob sich irgendwann noch einmal jemand traut, hier in Furtwänglers Fußstapfen zu treten?) Abgesehen von diesen Tempo-Enttäuschungen (von denen der erste und dritte Satz ausgenommen sind) aber muss man nicht wirklich hadern. Eine vorzügliche Solistenschar (der Norrington "netterweise" zügig über die quälenden Höhen hinweghilft) und die fulminant, höchst homogen und intonationssicher auftretenden Gächinger machen da einiges wett. Die Stuttgarter aber spielen auch hier den derzeit aufregendsten, rabiatesten, folglich authentischsten Beethoven.

Christoph Braun, 02.08.2003



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