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N° 1282
03. - 09.12.2022

nächste Aktualisierung
am 10.12.2022



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The Debut Records Story

Charles Mingus u.a.

Debut/ZYX 4DCD-4420-2
4 CDs

Stellen Sie sich vor, zwei so originelle Jazzmusiker wie Charles Mingus und Max Roach seien die künstlerischen Leiter eines eigenen Plattenlabels. Und weil sie selbst dauernd spielen und Genies sich nicht unbedingt in die geschäftlichen Niederungen des Alltags verstricken wollen, ständen ihnen zwei gute Feen zur Seite: Celia Mingus, die Frau des Bassisten, und Margo Ferraci, die Lebensgefährtin des Schlagzeugers. Stellen Sie sich vor, die vier nähmen ganz ohne kommerzielle Kompromisse ihre größten Zeitgenossen auf: Trompeter wie Dizzy Gillespie und Miles Davis, Altisten wie Charlie Parker und Lee Konitz sowie völlig Verkannte, die es führwahr verdienten (den Klarinettisten Sam Most, den Posaunisten Jimmy Knepper). Und weil Musiker gern alles selbst machen, wäre ein Genie wie Lennie Tristano bloß als Tontechniker tätig.
Nein, kein Märchen, sondern fünf Jahre lang Wirklichkeit: Ausgerechnet 1952 von bis 1957 existierte das Label Debut - ganz schwierigen Jahren für die Plattenindustrie, in denen Schellacks, EPs, kleine und große LPs, Mono- und die ersten Stereo-Platten um die Gunst der von den Neuerungen verwirrten Käufer buhlten. Das Label brachte bis auf 78er alle Formate heraus und konzentrierte sich dabei auf Bop und Cool-Jazz, mit besonderem Ohrenmerk für Musiker mit experimentellen Neigungen.
Dabei machte es seinem Namen alle Ehre: Auf Debut ließen sich Größen wie Max Roach, Kenny Dorham, Paul Bley, Thad Jones erstmals als Bandleader vernehmen, Hank Mobley und Walter Davis Jr. machten ihre ersten Aufnahmen. Doch auch ein wichtiger Schwanengesang wurde dokumentiert: Das berühmte Konzert in der Massey Hall von Toronto mit der letzten Begegnung von Charlie Parker und Dizzy Gillespie.
Mingus prägte das Label am nachhaltigsten, als Bassist, Komponist, Arrangeur und Produzent. Neben atemberaubenden Leader-Aufnahmen stellte sich Mingus als Begleiter ganz in den Dienst seiner Entdeckungen. Darunter waren Vergessene wie der Pianist John Dennis und spätere Giganten wie der Trompeter Thad Jones; Mingus sah in ihm ein noch über Fats Navarro oder Clifford Brown rangierendes Talent. Jones’ frappierendes Debut mit Mingus’ inspiriertem Wirken muß man gehört haben, um dieses Urteil und etwas von kollegialer Förderung zu verstehen.
Als 1990 die Zwölf-CD-Box “Charles Mingus: The Complete Debut Recordings” erschien, vergaß man nur allzuleicht, dass damit nur ein Teil der Geschichte erzählt wurde. Die neue Vier-CD-Anthologie stellt Beispiele aus jedem Debut-Album vor (außer “The Best Of Macero”). Neben Bekanntem aus der Mingus-Box finden sich Kostproben aus Alben, an denen Mingus nicht mitwirkte und die vollständig gar nicht erhältlich sind. Wer kauft schon CDs des Altsaxofonisten, Klarinettisten und Tristano-Schülers John LaPorta oder des unterschätzten Komponisten Alonzo Levister? Ihre Aufnahmen sind aber so interessant, dass man sich gleichzeitig freut und ärgert. Wozu diese fesselndste Anthologie des Jahres? Eine Box mit allen Debut-Aufnahmen ohne Mingus wäre eine sinnvollere Ergänzung zur Mingus-Box gewesen.

Marcus A. Woelfle, 30.04.1997



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