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A Love Supreme

Lincoln Center Jazz Orchestra

Palmetto Records/SunnyMoon Palm 2106
(42 Min., 8/2003) 1 CD

Mit seiner Stellung als Verantwortlicher des Jazzprogramms des Lincoln Center - New Yorks Weihestätte der Musik - und als Leiter der Big Band bzw. des Jazz Orchestra dieser Institution ist Wynton Marsalis eine Art Pontifex Maximus der afro-amerikanischen Musik. Mit einer immer wieder am zeitlosen Klassiker Duke Ellington ausgerichteten Liturgie hat der Hohe Priester und seine Kongregation bereits so sperrige und verquere Helden der Moderne wie Thelonious Monk und Charles Mingus erfolgreich mit den Mitteln des Mainstream kanonisiert. Jetzt schickt er sich an, John Coltrane, den der schwarze Beatpoet Ted Joans in seinem Gedicht "Jazz is my religion" als "the Pope" besingt, dem gleichen Kanonisierungsritual zu unterziehen. Ausgerechnet "A Love Supreme", Coltranes idealtypisches musikalisch-spirituelles Meisterwerk, dient ihm dabei als Vorlage. Nun ist die Einspielung des LCJO durchaus raffinierte Big-Band-Musik, und sie findet für die markanten Elemente der Vorlage, an die sie sich getreulich hält, immer die interessantesten Lösungen, die das Mainstream-Repertoire zulassen. Aber genau das ist die Crux. Und die ist zugleich ein Paradoxon: durch die Transposition ins Großorchestrale wird die spirituelle Wucht und Tiefe der originalen Quartett-Einspielung miniaturisiert - gerade so wie eine putzige Märklin-Lok nur noch wenig vom machtvollen Geheimnis des Dampfross-Vorbildes hat. Auch als Wiedererweckungs- oder Entdeckungsritual bedarf es der lincoln-zentralen Liturgie nicht. "A Love Supreme" war und ist (inzwischen sogar mit dem einst unveröffentlichten zweiten Teil) in voller originaler Klangwucht erhältlich und als Jahrhundertaufnahme des Jazz im allgemeinen Bewusstsein als ein persönliches, aufrüttelndes Bekenntnis, ein "hier stehe ich, lasst es so stehn!".

Thomas Fitterling, 19.03.2005



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