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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Antoine Brumel

Messe "Et ecce terrae motus", Sequentia "Dies irae"

Huelgas Ensemble, Paul Van Nevel

Music For You/Sony SMK 89613
(67 Min., 5/1990) 1 CD

Stören wir uns nicht daran, dass die meditativen Coverfotos von Sonys neuem Label "Music For You" wie ein Abklatsch der ECM-Serie wirken. Wenn es gilt, einen wirklich großen Renaissance-Meister lautstark in das Bewusstsein der Klassikgemeinde zu rufen, darf es auch mit Hilfe eines Sonnenaufgangs in der kalifornischen Wüste geschehen.
Noch gehört Brumel nämlich zu den Komponisten, deren Erwähnung bei Kennern jenes reflexhaftes Zucken der Augenbrauen hervorruft, das bloße Kenntnis des Namens verrät. Das übrige Gesicht jedoch gefriert zu einer starren Fassade, hinter der es fieberhaft arbeitet. Grund des Dilemmas: Antoine Brumel (ca. 1460 bis 1520) wurde seinerzeit von zu vielen Dichtern besungen, von zu vielen Theoretikern analysiert, von zu vielen Druckern verlegt und von zu vielen Praktikern aufgeführt, als dass man nicht irgendwann über seinen Namen stolpern würde. Doch anders als der etwas ältere, vielseitigere und expressivere Josquin Desprez hat er noch nicht wieder zu seiner einstigen Anerkennung zurückgefunden.
Die Wiederveröffentlichung der 1990 erstmals aufgenommenen Messe könnte ihn einen guten Schritt nach vorne bringen: "Ecce terrae motus" ist ein noch heute beeindruckendes Hauptwerk. Über für Brumels Zeit schier unglaubliche fünfundvierzig Minuten erstreckt sich sein musikalisches Geflecht von ganzen zwölf Stimmen. Die dürfen sich fast unaufhörlich kreuzen und umgeben den Hörer so mit einem Meer faszinierend gekräuselter Klangwellen. Musik, die sich eher zum Eintauchen als Abheben eignet: Denn statt esoterisch-leere Quinten anzusteuern, macht Brumel reichen Gebrauch von der sinnlichen Terz.
Und sowohl dank Brumels Satz, der die Stimmen in der Tiefe sehr dicht packt, als auch dank dem Huelgas-Ensemble, das seinem Klang einen leicht erdigen Ton beimischt, unterscheidet sich der Gesamteindruck angenehm von dem Sphärenklangideal, mit dem so viele andere Vokalensembles für Alte Musik aufwarten. Möglich, dass der Sog dieser klar konturierten Interpretation auch den Meditativhörer dazu verführt, den raffinierten kanonischen Schichtungen des eleganten Cantus firmus nachzuspüren. Um so weniger dürfte er dann herausgerissen werden von dem deutlich rückwärtsgewandten Klangideal des zweiten Werks auf der CD, dem von Paul Van Nevel recht plakativ mit Posaunen besetzten "Dies irae".

Carsten Niemann, 17.05.2001



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