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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



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Antoine Brumel

Missa "Et ecce terrae motus"

Ensemble Clément-Janequin, Les Sacqueboutiers de Toulouse, Dominique Visse

helikon harmonia mundi HMC 901738
(58 Min., 6/2002) 1 CD

Antoine Brumels 12-stimmige Messe über den Anfang der Osterantiphon "Et ecce terrae motus" gehört zu den spektakulärsten kirchenmusikalischen Werken der Renaissance. Der Josquin-Schüler Brumel kombinierte in dieser Messvertonung (nicht allzu komplizierte) kanonische Künste mit einer auf monumentale klangliche Wirkung hin angelegten, passagenweise absichtlich redundanten Satzstruktur, zu Gunsten derer er auf harmonischer Ebene oft mit breiterem Pinselstrich malt, die vielen flächigen Passagen in rhythmischer Hinsicht aber sehr komplex durchgestaltet. Weitere Kunstgriffe wie extreme Stimmkreuzungen und großer Umfang der einzelnen Partien führen beim Vortrag zu großer Intensität und faszinierender, entsprechend dem Titel erdbebenhafter Klanggewalt. Das Stück überlebte lediglich in einer Abschrift am Münchner Hof, wo Orlando di Lasso 1570 eine Aufführung leitete.
Die vorliegende Neuaufnahme von "Et ecce terrae motus" muss vor allem mit zwei früheren Einspielungen vom Anfang der neunziger Jahre konkurrieren: Peter Philips und seinen Tallis Scholars gelang mit 24 Sängern, also in doppelter Besetzung, eine warme, geschmeidige und lyrische Aufnahmen (Gimell); kurz zuvor hatten Paul van Nevel und das Huelgas Ensemble mit nur zwölf Sängern die Weltersteinspielung besorgt, die klanglich nicht ganz so abgerundet und in den Oberstimmen etwas ätherischer, insgesamt aber kaum weniger homogen und intonationsrein daherkommt als diejenige von Philips (Sony). Beide Ensembles besetzten die drei Oberstimmen mit Frauen, was eindeutig unhistorisch, aber sehr reizvoll ist. In diese Hinsicht verfährt Dominique Visse in seiner Neueinspielung authentischer, indem er Kontratenöre verwendet. Er muss das Stück dafür allerdings tiefer setzen und dennoch in der höchsten Lage einen scharfen, manchmal etwas ordinären Klang hinnehmen. Neun der zwölf Stimmen lässt Visse zusätzlich von Bläsern spielen, wobei die Zinken in den Oberstimmen den nasal-schnarrenden Klangcharakter verstärken. Ferner stützen drei Orgeln das Geschehen. Die Hinzuziehung von Instrumenten ist speziell für dieses Stück sicher nicht belegt, prinzipiell aber möglich, wenn auch die beiden früheren Aufnahmen zeigen, dass die Messe ohne diese Maßnahme keineswegs schlechter zu Geltung kommt. Visses Version ist bisweilen wuchtiger und geballter, fließt aber weniger organisch als diejenigen von Philips und van Nevel. Auch mit der Sauberkeit der Intonation ist es teilweise schlechter bestellt. Die Aufstockung zur Neunteiligkeit mittels Gregorianik - eine verbreitete Praxis - verlängert das Kyrie beträchtlich, erspart Visse aber gleichzeitig die Aufnahme eines zusätzlichen Stücks, wo die beiden anderen Ensembles mit Brumels Lamentationen und einem Magnificat (Philips) bzw. der Requiem-Sequenz "Dies irae" (van Nevel) eine interessante Ergänzung zur Messe anbieten. Unterm Strich muss den beiden älteren Einspielungen daher eindeutig der Vorzug gegeben werden.

Michael Wersin, 12.07.2003



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