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Ferruccio Busoni

Klavierwerke Vol. 2

Wolf Harden

Naxos 7 47313 56992 2
(69 Min., 9/2000) 1 CD

Es ist hier wie mit manch anderer Naxos-Veröffentlichung: das Sammlerherz bzw. der Repertoire-Sucher freut sich zunächst über bislang kaum oder gar nicht eingespielte Werke. Die zweite Veröffentlichung in Wolf Hardens Busoni-Zyklus enthält neben der allbekannten Bach-Chaconne mir bislang unbekannte Werke des sieben und achtjährigen Knaben (die den jungen Mozart respektive Schubert kompositorisch ins Jahr 1873/4 transportieren), ferner die Variationsetüde aus Busonis Wiener Zeit (1883/4) - ein brahmsianisches Schulstück des Siebzehnjährigen - sowie die recht witzigen, erst 1987 veröffentlichten Variationen über „Kommt ein Vogel geflogen", die der Neunzehnjährige in Leipzig als Persiflage „Im Stile von ..." schrieb, und schließlich das gewaltige, halbstündige Chopin-Variationenwerk op. 22 über das c-Moll-Préludes aus dessen Zyklus op. 28, das wie das Vorbild von Händel-Variationen mit einer großen Fuge endet. Letzteres hat Harden verdienstvollerweise nicht in der später von Busoni selbst radikal gekürzten, sondern in der Erstfassung des Neunzehnjährigen eingespielt, die bislang unveröffentlicht in den Archiven der Berliner Staatsbibliothek ruht. Soweit, so interessant.
Was Wolf Harden jedoch an interpretatorischer Finesse zu bieten hat, ist weit weniger interessant. Seltsamerweise hat er als Pianist des Trio Fontenay genug unter Beweis gestellt, was er hier als Solist schuldig bleibt: einen schattierungsreichen, nuancierten Anschlag, überhaupt Fantasie an Dynamik und Tempogestaltung. Stattdessen holpert es lange Strecken in Gleichförmigkeit und bedächtigen Tempi dahin.
Die charakterliche Bandbreite der Chopin-Variationen, die im Beiheft beschworen wird, stellt sich klanglich kaum ein, und man möchte jenes Lob der verdienstvollen Einspielung der Langfassung eigentlich wieder rückgängig machen. Die Bach-Chaconne meistert Harden zwar technisch einwandfrei - das ist weiß Gott nichts Geringes -, aber wo bleibt der von Busoni so grandios wie spätromantisch-überbordend und unbachisch inszenierte Spannungsaufbau, wo das sphärisch-entrückte Singen im „erlösten" Dur-Teil?
Überdies vermittelt das Klangbild zu achtzig Prozent nur schwergewichtige Bässe, während die Höhen, vor allem in den wilden Akkordkaskaden, kaum zu vernehmen sind. Toningenieur oder Hardens rechte Hand?

Christoph Braun, 06.12.2001



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