Nikolai Roslawetz

Streichquartette 1, 3 und 5

Hába-Quartett

New Classic Colours 8010
(48 Min., 5/1997, 6/1997) 1 CD

Igor Strawinski nannte ihn "den interessantesten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts" – Nikolai Roslawetz (1881-1944), dessen Werke erst jetzt allmählich der Vergessenheit entrissen werden. Roslawetz zählte zu den Speerspitzen der Avantgarde Russlands, war mit Künstlern wie Kasimir Malewitsch persönlich bekannt und entwickelte ein "neues System der Tonorganisation", das entfernte Ähnlichkeiten mit der Zwölftontechnik aufweist; allerdings entwickelte er sein System wesentlich früher als Schönberg.
Nach der Revolution geriet Roslawetz, der gehofft hatte, seine avantgardistische Ästhetik mit dem Sowjetsystem in Einklang bringen zu können, bei der Partei und der "Assoziation proletarischer Musiker" in Misskredit; man warf ihm westliche Dekadenz und Formalismus vor – ein ähnliches Schicksal, wie es Schostakowitsch widerfuhr. Zahlreiche seiner Werke wurden beschlagnahmt und tauchten nie wieder auf; er selbst starb in Armut.
Obwohl Roslawetz das Schaffen der Wiener Schule erst in den zwanziger Jahren kennenlernte, weist seine Tonsprache im Ersten und Zweiten Quartett (1913 und 1920) starke Ähnlichkeit mit den zur gleichen Zeit entstandenen Werken Schönbergs und seiner Schüler auf – etwa Alban Bergs Streichquartett op. 3. Derartige Klänge lagen zu dieser Zeit anscheinend einfach in der Luft. Allerdings präsentiert sich Roslawetz in seiner Musik weniger expressionistisch aufgewühlt, sondern weicher, stets transparent; es scheint, als ob – trotz fehlender Dur-Moll-Tonalität – stets hinter der nächsten Ecke ein tonales Zentrum lauert. Erstaunlich dann, daß das Fünfte Quartett – entstanden 1942, als der Komponist schon längst in Acht und Bann stand und nicht mehr in seinem avancierten Stil komponieren durfte – trotz scheinbarer Konventionalität in direkter Nachfolge zu den experimentellen Werken aus Roslawetz' früher Schaffensperiode steht.
Interpretation und Klangtechnik stehen auf höchstem Niveau, und das Beiheft – welche Seltenheit heutzutage! – verbindet sprachliches Niveau und hohen Informationsgehalt mit äußerst stilvoller Aufmachung.

Thomas Schulz, 28.02.1998



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