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Heinz Tiessen

Sinfonie Nr. 2 "Stirb und werde!", Hamlet-Suite, Vorspiel zu einem Revolutionsdrama, Salambo-Suite

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Israel Yinon

Koch-Schwann 0 99923 14902 6
(76 Min., 5/1996) 1 CD

Man liest sie in letzter Zeit zu oft Vokablen wie "Entdeckung", "Sensation" und "zu Unrecht vergessen". Also spare ich mir die Vorrede und komme direkt zur Sache: Heinz Tiessen (1887-1971) wurde in seiner Jugend von Richard Strauss gefördert, schrieb den Großteil seines Schaffens zwischen den Weltkriegen und war als Kompositionslehrer gefragt und geachtet. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Sergiu Celibidache.
Als Komponist war Tiessen von Anfang an sein eigener Herr. Zwar findet sich in der Sinfonie mit dem goetheschen Untertitel "Stirb und werde!" noch das eine oder andere von Strauss entliehene harmonische und melodische Rüstzeug, doch als Ganzes gibt sich das 1912 vollendete Werk völlig anders als die zeitgleich entstandenen Produkte der ausgehenden Spätromantik - harmonisch aufgeraut, konzise gebündelt und von tatkräftigem Duktus beseelt.
Was die anderen hier präsentierten Stücke angeht, zieht dann kein Vergleich mehr. Das ist Musik von absoluter stilistischer Souveränität. Im Rahmen einer bis zum Extrem ausgeweiteten Tonalität findet Tiessen zu Formulierungen, die erst Jahre oder Jahrzehnte später unter völlig anderen Vorzeichen wieder aufgegriffen werden sollten - wenn sich nämlich überhaupt Assoziationen aufführen lassen, dann zu Werken, die erst später entstanden, zu Bergs "Wozzeck" etwa oder zur Sinfonik Karl Amadeus Hartmanns.
Bei aller sinnfälligen Konstruktion und polyfonen Logik ist Tiessens Musik stets ungeheuer bildhaft, fast dreidimensional, so in der 1919 vollendeten Schauspielmusik zu "Hamlet" mit ihrer nervenaufreibenden Sturmmusik. Das Theatralische spielt eine wichtige Rolle, doch nie im Sinne platter Illustration, sondern als farbiges, lebensspendendes Element einer gedanklich auf höchstem Niveau stehenden Tonsprache. Eine vielschichtigere und sinnlichere Musik als das Ballett "Salambo" ist im Deutschland der zwanziger Jahre nicht geschrieben worden.
Es bleibt zu hoffen, dass sich demnächst weitere Interpreten dieser Werke annehmen werden, auch auf CD. Denn wenn dieser Einspielung auch Pionierstatus zugebilligt werden kann, lässt sie doch einige Schwächen vor allem in der rhythmischen Gestaltung und auch im orchestralen Gefüge (Blech!) erkennen. Ich wünsche mir für Tiessens Musik mehr Stringenz, mehr Feuer, mehr Unerbittlichkeit.

Thomas Schulz, 05.10.2000



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