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Heiner Goebbels

Landschaft mit entfernten Verwandten

David Bennent, Georg Nigl, Ensemble Modern, Deutscher Kammerchor, Franck Illu

ECM/Universal 476 5838
(80 Min., 10/2004) 1 CD

Eine Oper im Standardformat war von Heiner Goebbels erwartungsgemäß nicht zu haben. Denn im Gegensatz zu vielen, die ihm in den 1970ern am Straßenrand applaudierten, als er mit dem "Sog. Linksradikalen Blasorchester" durch die Frankfurter City zog und der bürgerlichen Kultur auf die Füße trat, hat Goebbels sich den produktiven Zweifel an Ordnungssystemen genauso bewahrt wie seine gesellschaftspolitische Umtriebigkeit. In musikalisch nach allen Seiten hin offene Formen gegossen, sind Goebbels Plädoyers jedoch weniger plump aufrührerisch als vielmehr doppelbödig aufwühlend. Bis jetzt war es zumindest so. Für das eklektizistische Musiktheaterprojekt "Landschaft mit entfernten Verwandten", das seit seiner Uraufführung 2002 erfolgreich quer durch Europa tourte, hat Goebbels zwar reichlich geistesgeschichtliche Ressourcen angezapft und sie musikalisch vielsprachig kurzgeschlossen. Mit Jazz-Rock und arabischer Weltmusik, mit abstrakten Neue-Musik-Mobiles und handfestem Eisler-Schmiss. Kunterbunt ist es auf den ersten Blick. Beim näheren Hinsehen und Hinhören entpuppt es sich hingegen als eine doch nur eine bildungsbürgerlich aufgestellte Collage, die entlang von Ketzern wie Giordano Bruno und Warnern wie Gertrude Stein ein Bild von der Welt in ihrem jahrhundertealten und bis heute anhaltenden Unruhezustand zeichnen will.
Auf der Bühne mag die rund 180-minütige Produktion immerhin magisch in die verschiedensten Zeitzonen und Himmelsrichtungen entführen. Bei dem Destillat aus einer Pariser Aufführung bleibt nun lediglich das Staunen, zu welchem reaktionsschnellen und in allen Stilen bewanderten Klangkörper sich das Ensemble Modern inzwischen entwickelt hat. Ernüchternd und weniger erhellend sind dagegen die oftmals wichtigtuerisch angegangenen Textdeklamationen im Dreisprachenfluss Deutsch/Englisch/Französisch. Im Zusammenspiel mit halbschalen Westernrhythmen, Bombeneinschlägen und rasanten Minimalismusschleifen als konventionell reproduziertes Sinnbild großstädtischer Quirligkeit wird da ein babylonischer Materialturm aufgeschichtet – den man in globalisierten Zeiten jedoch als seitenwegweisenden Leuchtturm kaum nutzen kann.

Guido Fischer, 28.12.2007



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