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John Tuder

Lamentationes Jeremiae

Diphona

Marc Aurel Edition MA 20001
(48 Min., 2/2000) 1 CD

Mit Wiedergeburten ist das bekanntlich so eine Sache: Wieviel vom Ich, fragt man sich, bleibt bei so einer Aktion eigentlich übrig? Wenn wir in dieser Aufnahme die Bekanntschaft mit John Tuder machen, dann ist es jedenfalls eine sehr vermittelte. Von Tuder weiß man nicht viel mehr, als dass er in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts als Sänger in der Hauskapelle eines englischen Edelmanns angestellt war; seine Kompositionen sind nur in zwei Handschriften überliefert. Eine davon, das "Pepys-Manuskript" genießt unter britischen Wissenschaftlern dabei eine fast kultische Verehrung: Es ist eine von nur ganzen zwei vollständigen Quellen im Land, betonen sie, die das englische Repertoire aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts überliefert. Doch selbst in dieses magere Süppchen lässt sich noch spucken: Manche Kollegen behaupten nämlich, dass es sich bei Tuders einstimmigen Melodien in Wahrheit nur um die Oberstimmen einer mehrstimmigen Kompostion handele.
Die beiden Musiker von Diphona haben sich davon nicht abschrecken lassen und Tuders Noten (oder was von ihnen übrig ist) mit dieser Ersteinspielung zu einer klingenden Wiedergeburt verholfen. Maria Jonas Stimme ist glasfein aber gehärtet: Sie kontrastiert vorteilhaft zu den weichen aber nie konturlosen Traversflötenklängen ihres Partners Norbert Rodenkirchen, die sich dann doch immer wieder wie eine zweite Menschenstimme an sie schmiegen. Glücklich halten sie die Balance zwischen Notentreue und ergänzender Improvisation: Während Maria Jonas die durchaus ausgezierten modalen Gesänge Tuders offenbar kaum verändert, umspielt der Flötist ihre Kadenzen mit großer Ökonomie der Mittel und Respekt für die choralartige Substanz der Melodik, um die Musik dann in den untextierten Interludien bedächtig fortzuspinnen.
Unterlegt ist das Wechselspiel durch den leisen Klang einer Sinfonie, einem Drehorgelinstrument, das trotz feiner klanglicher Bitterstoffe keineswegs penetrant wirkt, sondern wie die Linie eines Horizonts mit selbstverständlicher Unbewegtheit für Orientierung sorgt: So kommt auch manche melodische Schlussformel der Gesangsstimme zur Geltung, die vielleicht doch ursprünglich auf mehrstimmige Unterfütterung berechnet war. Eine Wiedergeburt Tuders, die als unkitschige Mittelaltermeditation taugt, mehr noch aber als Essay über die karge Schönheit einer intelligent erfundenen alten Klanglinie.

Carsten Niemann, 28.11.2002



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