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Igor Strawinski, Claude Debussy, Pierre Boulez

Le sacre du printemps, La mer, Notations VII

Chicago Symphony Orchestra, Daniel Barenboim

Teldec/Warner Classics 6 85738 17022
(66 Min., 1/2000) 1 CD

In meinem "Sacre"-Interpretationsvergleich in RONDO 2/2000 beklagte ich mich darüber, dass die für mich beste neuere Aufnahme dieses Jahrhundertwerks, nämlich die mit Riccardo Chailly und dem Cleveland-Orchester (Decca) nicht erhältlich sei. An diesem Umstand hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert – an einem anderen hingegen schon: Chaillys Einspielung hat nun Konkurrenz bekommen.
Daniel Barenboim, der seit geraumer Zeit der CD-Kritik als Watschenmann herhalten muss, dessen Einspielungen ebenso oft kategorisch verrissen werden wie die gewisser anderer Interpreten gelobt, dirigiert einen "Sacre", der an Detailgenauigkeit, Transparenz, Virtuosität und unverstellter Aggression nicht zu überbieten ist. Ganz abgesehen von der Perfektion des Chikagoer Orchesters, die Strawinskis vertrackte Rhythmik computergenau realisiert, sind es auch die mythischen, bildhaften Elemente der Partitur, die in Barenboims Einspielung ohne alle Anekdotenhaftigkeit dargestellt werden.
Dem sich aus einer Melodielinie des Fagotts entwickelnde Beginn verleiht Barenboim geradezu vegetativen Charakter, lässt die mannigfachen Motive wie Blüten an Leben gewinnen: Hier ist es wirklich der Frühling selbst, der allmählich, aber mit Macht aus dem Eis bricht. Ebenso subtil, aber unumkehrbar vollzieht sich der atmosphärische Wechsel innerhalb der Partitur von der Frühlingsfeier hin zum brutalen Frühlingsopfer, bei dem eine junge Frau ihr Leben verliert.
Schon die "Anbetung der Erde" am Ende des ersten Teils, gerät zur gleichzeitig frenetischen und kaltblütigen rhythmischen Orgie, und der "Opfertanz", der das Werk beschließt, ist kaum je bedrohlicher, brutaler realisiert worden, und lässt zugleich einen derartigen Reichtum an motivischen und rhythmischen Strukturen vernehmen, wie man ihn sonst kaum wahrnimmt – als hätte Barenboim die Partitur einer großen Reinigung unterzogen. Unterstützt wird er dabei von einer adäquaten Aufnahmetechnik, deren röntgenologische Durchhörbarkeit lediglich im ersten Teil gelegentlich auf Kosten der Paukenstimme geht.
Zu diesem phänomenalen "Sacre" gesellen sich eine ebenfalls sehr überzeugende, klanglich subtil ausgehörte Interpretation von Debussys "La mer", in der auch das dramatische Element nicht zu kurz kommt, sowie Boulez' aktuellste Verlautbarung, die Nummer sieben seines "Notations"-Zyklus, in der er der Klangwelt Debussys und Ravels, aber auch der des ihm eigentlich konträr gegenüberstehenden Henri Dutilleux so nahe kommt wie nie zuvor. Niemand, der sich für Orchestermusik interessiert, wird an dieser CD vorbeikommen.

Thomas Schulz, 29.11.2001



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