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Heinrich Schütz

Symphoniae sacrae, Teil III

Cantus Cölln, Concerto Palatino, Konrad Junghänel

harmonia mundi HMC 901850.51
(126 Min., 2/2004) 2 CDs

"Er verleihe uns immerdar Friede": Bei Schütz ist diese an sich wenig aufregende Fürbitte aus dem Buch Sirach etwas ganz Besonderes, setzt er sie doch in der letzten seiner "Symphoniae sacrae" mit einer Freude (und dutzendfacher Wiederholung des "Friede"-Ausrufs) in Töne, die quasi mit Händen zu greifen ist. Kein Wunder, schreiben wir doch das Jahr zwei nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegsgemetzels, das im Namen Gottes respektive der "wahren" Konfession (sowie reichspolitischer Machtkämpfe) angerichtet wurde und das die Bevölkerung in Schützens sächsisch-thüringischer Heimat- und Wirkungsstätte bis 1648 mehr als halbiert hatte!
Doch jetzt, so lässt Schütz den Hörer überschwänglich wissen, jetzt ist endlich Friede! Und mit ihm blüht auch endlich wieder die Dresdner Hofmusik auf. Sodass ihr Kapellmeister nicht mehr wie in den vergangenen Elends-Jahren - wenn überhaupt - nur für kleine und kleinste Besetzungen schreibt, sondern (wie bereits in den "Psalmen Davids" von 1619) Werke von polyphoner Opulenz. Der dritte und letzte Teil seiner "Symphoniae sacrae" krönt diese Renaissance bzw. diesen Neubeginn der deutschen Musik auf kunstvollste Weise.
Nahezu kongenial - mit einer Einschränkung - demonstriert dies Konrad Junghänel und seine beiden famosen Experten-Ensembles. Das neunköpfige Cantus Cölln besteht aus schlanken, klar timbrierten und geschmeidigen Solisten, die Schützens Hauptanliegen bestens befolgen, nämlich die deutschen (lutherischen) Bibeltexte so plastisch wie möglich in Musik zu übersetzen. Und die Streicher, Orgel, Zink und Posaunen spielenden Concerto-Palatino-Musiker legen eine Spieltechnik an den Tag, die an stupend-virtuoser Sicherheit nichts zu wünschen übrig lässt.
Also eine Idealaufnahme? Fast. Denn Schützens Besetzungsvorschlag, wonach neben dem Favoritchor (mit Gleichberechtigung von Vokal- und Instrumentalstimmen) ein zusätzlicher, separat aufgestellter "Complement"-Chor verwendet werden könne (und sollte?) - diese auf die glücklicheren, weil üppigeren Umstände der Hofmusik von 1650 zielende Empfehlung befolgt Junghänel nur ansatzweise. Er belässt es leider bei den neun Solisten, die nur unterschiedlich aufgeteilt, statt wirklich von einem Chor(klang) ergänzt und im Wechsel alteriert zu werden. Wer hingegen Frieder Bernius‘ Aufnahme mit dem Stuttgarter Kammerchor zum Vergleich heranzieht, der kann diese prachtvolle, von Schütz ehemals in Venedig erlernte Mehr-Chörigkeit doch um einiges plastischer (und abwechslungsreicher) erleben. Ergo: ein Schütz-Genuss von erlesener, wenngleich auch nicht prachtvollster Güte.

Christoph Braun, 05.11.2005



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