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Karol Szymanowski

Sämtliche Klavierlieder

Piotr Beczała, Juliana Gondek, Urszula Kryger, Iwona Sobotka, Reinhild Mees

Channel/Helikon
(262 Min., 2004) 4 CDs

Schon seit längerer Zeit setzt sich die niederländische Pianistin Reinild Mees für vergessene Liedliteratur aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein. Gesamtaufnahmen der Lieder Franz Schrekers und Ottorino Respighis liegen bereits vor, und mit der Einspielung aller Lieder des Polen Karol Szymanowski (1882-1937) auf vier CDs präsentiert Reinild Mees nun ein besonders reichhaltiges und mitreißendes Oeuvre, dessen Wurzeln in der "spätromantischen" Tonsprache zu finden sind: Szymanowskis frühe Lieder aus den Jahren 1900 bis 1913 klingen teils nach Rachmaninow - so etwa die "Sechs Lieder op. 2" mit ihrer Chromatik und ihrem virtuos-aufgewühlten chromatischen Klaviersatz, der weit ausschwingende, ebenfalls zu großer Emotion bereite Kantilenen des Sängers trägt -, teils nach Reger oder Alban Berg wie etwa die "Fünf Gesänge op. 13" auf Texte deutscher Dichter. Ein stilistischer Wandel hin zu einer weniger tonal zentrierten, aber keineswegs "atonalen" eigenständigeren Tonsprache vollzieht sich etwa ab 1914: Dreiklänge werden stärker und dissonanter angereichert und auf deutlich freiere, unkonventionellere Weise verbunden als zuvor.
Auf vier verschiedene Sänger hat Reinild Mees das eingespielte Liedrepertoire verteilt: Mit dem polnischen Tenor Piotr Bezała konnte sie einen zu dramatischen Ausbrüchen durchaus befähigten lyrischen Sänger gewinnen, dessen Timbre und Zugriff auf die Kantilenen an Nicolai Geddas Gesangskunst erinnern. Ihm gegenüber fällt vor allem die Sopranistin Juliana Gondek etwas ab, da sie ihre etwas unruhige, vibratoreiche Stimme in den Kantilenen nicht optimal zu fokussieren und besonders im Piano-Ansatz in höherer Lage nicht wirklich frei zum Ansprechen bringen kann. Auch mit eher stärkerem Vibrato, aber konzentrierter und stringenter bewältigt die Mezzosopranistin Urszula Kryger die ihr zugedachten Gesänge. Die 23 Jahre junge, leichtgewichtigere Sopranistin Iwana Sobotka schließlich erfreut durch die Frische und Leuchtkraft ihres Materials - zwei Eigenschaften, die sie jedoch gelegentlich vor allem in der Vollhöhe durch einen allzu breiten Klangstrom ein wenig konterkariert. Dennoch klingen die in Szymanowskis Liedern häufiger anzutreffenden Orientalismen (in Form von hinsichtlich der Intervalle charakteristischen melismatischen Passagen) aus ihrem Munde am überzeugendsten, wie sie gleich zu Beginn ihres Programms mit den fesselnden "Liedern der Märchenprinzessin op. 31" unter Beweis stellen kann.
So bedauerlich die eine oder andere sängerische Einschränkung auch sein mag: Insgesamt überwiegt der besonders durch Reinhild Mees’ Einheit stiftendes Begleiten bedingte positive Eindruck bei weitem. Das eine oder andere Opus regt zum Vergleich mit (recht wenigen) anderen Aufnahmen an, aber die großartige Leistung und der hohe editorische Wert dieser Gesamtschau bleiben unangefochten.

Michael Wersin, 05.02.2005



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