Mit romantischen Konzertkompositionen sind Oboisten nur sehr spärlich bedacht worden – merkwürdig eigentlich, galt doch das irisierende Timbre der Oboe seit der Barockzeit als Chiffre für sehnsüchtiges Liebesverlangen und wurde auch als Farbe im romantischen Orchestersatz noch entsprechend eingesetzt. Warum diese Qualitäten im 19. Jahrhundert allerdings nicht zu einem Platz in der vordersten Reihe des gefragten Soloinstrumentariums gereichten, lässt sich nur schwer nachvollziehen, besonders beim Hören des reizvollen Oboenkonzerts in a-Moll von Hugo Schuncke (1823-1909, Violinist am Stuttgarter Hof). Der Oboist Christoph Wagner entdeckte das Stück vor einiger Zeit, führte es auf und gab das Material heraus; die vorliegende CD bietet nun die derzeit einzige Aufnahme dieser lange verklungenen Musik. Lajos Lencsés, das soll nicht verschwiegen werden, hat mit dem Solopart besonders im Kopfsatz ein wenig zu kämpfen: Er verfängt und verhakt sich gelegentlich ein wenig im virtuosen Passagenwerk. Das ist bedauerlich, schmälert insgesamt die Pionier-Leistung dieser Einspielung aber nur geringfügig. Schunckes Konzert zeichnet sich aus durch einfallsreiche und effektvolle Melodieführung im Oboenpart, getragen von einem vor frühromantischem Hintergrund harmonisch durchaus farbigen, gekonnt ausgestalteten Orchesterpart.
Viele Freude macht von den anderen drei enthaltenen kleineren Stücken vor allem "Pastorale et Danses" für Oboe und Orchester von Joseph-Guy Ropartz (1864-1955), einem Bretonen mit ganz origineller, eigenständiger Tonsprache: Voller ungeahnter Schönheit steckt diese idyllisch-zarte Szenerie mit kurzem Tanz-Intermezzo, in der Lajos Lencsés die Stärken seines Spiels – expressive Ausgestaltung verschlungener Melodiebögen auf der Basis eines im Kern gut fokussierten, in der Aura aber perfekt mit dem Umfeld verschmelzenden Tones – ungetrübt zur Geltung bringen kann.

Michael Wersin, 09.07.2005



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