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André Previn, Johannes Brahms, George Gershwin, Fritz Kreisler, Gabriel Fauré

Tango Song and Dance - Werke für Violine und Klavier

Anne-Sophie Mutter, André Previn, Lambert Orkis

DG/Universal 471 500-2
(76 Min., 12/2001) 1 CD

Ein Blick ins Internet beweißt es: Das Thema "Synästhesie" und "Farbenhören" beschäftigt die Forschung von neuem. Interview-Aussagen von Anne-Sophie Mutter scheinen zu belegen, dass die Geigerin über eine sehr ausgeprägte Form des Farbenhörens verfügt. Nehmen wir die von ihr beschriebene Erlebnisform ernst, so lässt es uns Hörer einiges an immer wieder “Bemängeltem” anders "sehen". Anne-Sophie Mutters "Farbsensationen" scheinen keine fest umrissenen, schon gar nicht starren Formen anzunehmen, sondern sich in sehr freien, farblich irisierenden, dynamischen und räumlich schwebenden Mustern zu manifestieren.
Falls diese aus Anne-Sophie Mutters eigenen Aussagen abgeleiteten Vorstellungen (wer kann da schon Verbindliches sagen?) zuträfen und sie sich davon bei ihrem Spiel auch stark leiten ließe, dann müsste man einfach bekennen, dass viele von uns "Normalhörern" mit dem klanglichen Aspekt von Inbildern konfrontiert würden, für die die meisten von uns gar kein Sensorium haben.
Einiges davon aber scheint bei der vorliegenden Einspielung fast "greifbar" - und dies mag an der Wahl wenigstens des einen Klavierpartners liegen.
Previns Tango Song and Dance wirkt wie der Widmungsempfängerin auf den Leib geschrieben. "Tönend bewegte Formen", in Konturen und Farben nicht an Grenzen gebunden, werden von Mutter und Previn umeinander kreisend, genüsslich und Assoziationen weckend zelebriert. Auch bei den Adaptionen aus Gershwins Porgy and Bess projizieren Mutter-Previn nachtwandlerisch sicher verführerisch wirkende Lock- und Duftstücke - ohne eine Sekunde schlüpfrig zu wirken.
Demgegenüber nehmen sich die Darstellungen der Ungarischen Tänze Nr. 1, 6 und 7 von Brahms und Kreislers Schön Rosmarin, Caprice viennois und Liebesleid durch Mutter und Orkis sehr gestelzt aus. Bei Brahms kommt Orkis - auch aufnahmetechnisch in die zweite Reihe verwiesen - kaum über die Funktion eines Stichwortauffängers hinaus. Bei Kreislers Evergreens könnte der Klavier-Part auch in getrennter Sitzung aufgenommen und geschickt verklammert worden sein ...
Faurés Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 A-Dur op. 13 bedürfte allerdings eines Klavierpartners, dessen musikalische und spieltechnische Autorität Mutters Vorgaben nicht nur ohne jede Einschränkung Paroli bieten, sondern auch zu einem sich gegenseitig aufschaukelnden musikalischen Ergebnis führen könnte. Was ein solch imaginäres Duo zustande brächte, kann man anhand der kaum übertreffbaren geigerischen und musikalischen Intensität von Anne-Sophie Mutter beim Allegro vivo und Allegro quasi presto wohl nur ahnen.

Wolfgang Wendel, 10.05.2003



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