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Giuseppe Cavallo

Il giudizio universale (Das Jüngste Gericht)

Antonio Florio, Capella de' Turchini u.a.

Opus 111/Helikon 30-262
(55 Min., 5/1999) 1 CD

Suchte man ein klingendes Beispiel für die barocke Technik des "chiaroscuro", also der musikalischen Dramaturgie der Kontraste: Dieses Oratorium, das bislang kaum einer kannte und dessen Autor (falls er denn wirklich der Autor ist) ein nahezu unbeschriebenes Blatt ist, wäre als Beispiel geeignet wie kaum ein anderes Werk. Nicht nur ist hier von "Kummer und Glück", "Angst und Hoffnung" in einem Atemzug die Rede, sondern es geht auch um die Kontraste zwischen Gut und Böse, Engeln und Menschen, Verdammung und Erlösung. Diese Kontraste wiederum erwachsen dem Jüngsten Gericht, das von Christus bewirkt, von den Engeln gefordert, von gottlosen Sterblichen verflucht und bejammert, von Auferstehenden bejubelt und von Streichern mit Neigung zu satten Vorhalten und aufreizenden Sekundreibungen voller Teilnahme kommentiert und begleitet wird.
Dass die letzten Posaunen hier auch nur gestrichen und nicht etwa donnernd geblasen werden, hat wohl vor allem pragmatische Gründe. Sicher ist, dass das Werk im späten 17. Jahrhundert in Neapel entstand; der mutmaßliche Komponist des Stücks, Giuseppe Cavallo (oder Cavalli?) war Priester und Chormeister und knüpfte mit seinem Werk an die reiche Tradition der kirchlichen Musikdramen in seiner Heimatstadt an.
Gerade die Reduktion auf nur sechs Sänger (die oft auch als Chor oder im Duett auftreten) und Streichorchester zeitigte ein in seiner "Helldunkel"-Dramaturgie sehr feines, nuancenreiches Werk: Ob es nun gerade die Verdammten sind, die ihr Schicksal beklagen, oder ob gerade die Erlösten jubeln, wird oft nur durch kleine (vor allem harmonische und melodische) Details deutlich. Gröber gerastert sind die Gegensätze in der Besetzung - und an ihnen macht sich dann auch maßgeblich die Binnenspannung des Oratoriums fest.
Antonio Florios Capella de' Turchini, die sich nach einem Konservatorium in Neapel benannte, tastet sich virtuos und hochsensibel (deutlich überzeugender als die nicht durchwegs qualitätvollen Sänger) von Wegmarke zu Wegmarke und erreicht schließlich in temperamentvollem Crescendo die Auferstehung der Toten und das Ewige Leben auf der einen Seite, die Höllenqual auf der anderen. "Denkt immer daran", gibt uns aus diesem Anlass der Chor als Moral mit auf den Weg, "dass daher der Schmerz und die Freude des Menschen kein Ende nehmen."

Susanne Benda, 27.07.2000



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