John Corigliano

Phantasmagoria

Emanuel Ax (Klavier), Yo-Yo Ma (Cello), James Tocco (Klavier)

Sony 60747
(54 Min., 6/1999, 9/1999) 1 CD

Die Surrealisten haben etwas erfunden, was "Literatur der assoziativen Psychomotorik" genannt werden könnte. Und John Corigliano, eigentlich Geiger und ehemaliger Konzertmeister der Bostoner Sinfoniker, komponiert genau so: Ein literarisch gemeinter Titel löst eine Kette von Assoziationen aus, die in einen weitläufigen Raum von "Form" gestellt werden. Der Komponist selber sagt es so: "Zu viel Form oder eine zu wörtlich genommene Form kann den Erfindungsbogen eines Stückes dominieren oder einengen."
Damit ist die Türe natürlich weit offen für den bevorzugten Stil vieler amerikanischer Komponisten: den Eklektizismus. Was andere schon komponiert haben, ist assoziativ eben jederzeit abrufbar! Und das kann sich durchaus in die Sphären von Geist und Witz aufschwingen, ein Langweiler ist Corigliano jedenfalls nicht. Die "Fancy On A Bach Air" kreuzt recht pointiert die "Goldberg"-Variationen mit den Solosuiten für Violoncello, man könnte allenfalls dem Interpreten Yo-Yo Ma vorwerfen, dass er das Material zu souverän beherrscht - nirgends ein Fragezeichen, nie ein gedankliches Verweilen. Die "Fantasia on an Ostinato", das schwächste Stück der Scheibe, bleibt Klavierranke (von Emanuel Ax dennoch auf Wirkung "gemolken"). Aber die folgende erste "Etude Fantasy" erforscht bewundernswert die Möglichkeiten des Nur-Linkshand-Spiels, regelrecht in die Tasten gemeißelt von James Tocco, über Maurice Ravels berühmtes D-Dur-Konzert teilweise noch hinausgehend.
Im titelgebenden Stück "Phantasmagoria" für Cello und Klavier bereitet der Eklektiker Corigliano nicht nur Mozart und andere, sondern auch sich selber auf (die Oper "The Ghosts of Versailles"). Das klingt wirklich sehr hübsch und auch ein bisschen schräg - aber "echte" Phantasmen, rauschhafte (Alb-)Träume entbindet das Werklein an keiner Stelle.

Thomas Rübenacker, 25.01.2001



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