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Henry Cowell

Klavierkonzert, Concerto Piccolo, Sinfonietta, Klavierstücke

Stefan Litwin, Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Michael Stern

Col Legno/Harmonia Mundi 4 099702 006423
(73 Min., 4/1999) 1 CD

Kennt noch jemand Henry Cowell? Das ist der Amerikaner, der die Cluster "erfand" - Ballungen von Tönen im Sekundabstand - und in den zwanziger Jahren damit Furore machte, dass er auf seinen Konzerten im Inneren des Klaviers herumzupfte. Ein vergessener Bürgerschreck mithin - da kommt diese CD zum Kennenlernen seiner Musik gerade recht. Und - um das Positive gleich vorwegzunehmen - die Einspielung ist interpretatorisch und klanglich hervorragend gelungen, der Beihefttext schlüssig und kenntnisreich. Niemand, der sich ernsthaft für die Musik des großen Anregers und Förderers der amerikanischen Moderne interessiert (Cowell war Lehrer von Cage und sorgte dafür, dass Ives in den USA bekannt wurde), wird um die CD herumkommen.
Nur mit der Musik selbst habe ich meine Probleme. Ganz abgesehen davon, dass Ives sich schon vorher der Clustertechnik bediente und sowohl er als auch Bartók damit wesentlich interessantere Ergebnisse erzielten, befremdet sowohl die Ausschließlichkeit, mit der Cowell diese Technik auf dem Klavier anwendet als auch die Monochromie und geringe Variationsbreite dieser Technik und von Cowells Kompositionen allgemein.
Das gilt noch am wenigsten für die konzentrierte und asketische Sinfonietta - vielleicht, weil kein Klavier mitspielt? -, und dem frühen Klavierkonzert, es stammt aus dem Jahre 1928, könnte man ungeachtet des enervierenden Gehämmers noch so etwas wie den Enthusiasmus des Aufbruchs bescheinigen. Völlige Ratlosigkeit hinterlässt indes der Mix, den uns Cowell im Concerto Piccolo von 1941 beschert: Melodik und Harmonik tonal und schlicht, geradezu volksliedhaft, und dazu haut der Pianist mit der flachen Hand oder den Fäusten auf die Tasten, um Cowells Markenzeichen, eben die Cluster, zu produzieren. Der Effekt grenzt ans Infantile.
Vielleicht finden sich im riesigen Werk des Komponisten - er schrieb zwanzig Sinfonien - auch lohnenswertere Dinge, doch die hier eingespielten Werke lassen mich verstehen, warum von Cowell, im Gegensatz zu Ives, Varèse, Cage und selbst Carl Ruggles, heute vornehmlich der Name bekannt ist.

Thomas Schulz, 20.12.2001



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