Ungeachtet ihres enormen Bühnenerfolges brachte es Delibes’ drittletzte und bedeutendste Oper bislang auf gerade einmal fünf Gesamtaufnahmen, so dass eine Neuproduktion gerechtfertigt ist, zumal die letzte Aufnahme von 1971 stammt. Michel Plasson bringt hierfür die besten Voraussetzungen mit: neben einer profunden Kenntnis des französischen Opernrepertoires eine ausgeprägte Wesensverwandtschaft zum spezifischen Sentiment dieser Musik und ein geschärftes Ohr für die klangfarbliche Palette der an reizvollen Exotismen so reichen Partitur. Unter seiner langjährigen Leitung haben sich Chor und Orchester aus Toulouse zu Klangkörpern entwickelt, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen.
Auch wenn der Variabilität und Expansionsfähigkeit seiner Stimme relativ enge Grenzen gesetzt sind und die Höhe gelegentlich etwas eng wirkt, vermag Gregory Kunde doch ein überzeugendes Porträt des zwischen Pflichtbewusstsein und Leidenschaft schwankenden britischen Offiziers zu zeichnen. José van Dam besticht durch klare Diktion und nobles Timbre, vor allem in der oberen Mittellage; zuweilen allerdings dürfte der rachsüchtige Brahmane ruhig etwas weniger domestiziert erscheinen. Star der Aufnahme ist fraglos Natalie Dessay: Frappiert sie einerseits durch vokale Virtuosität und exorbitante Höhe (in der “Glöckchenarie”), so berührt sie andererseits durch ihre Fähigkeit, den feinsten seelischen Regungen nachzuspüren und die fragile Gestalt der indischen Priesterin mit Leben zu erfüllen.

Norbert Christen, 30.06.1998



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