Guillaume Dufay

"Cathedral Sounds" (Magnificat, Hymnen, Motetten)

Clemencic Consort, René Clemencic

Arte Nova/BMG 74321 92584 2
(60 Min., 11/2001 - 12/2001) 1 CD

Schlagen wir Gerbers Musiklexikon von 1812 beim Stichwort "Dufay, Guillaume" nach, hören wir deutlichen Spott: "Einer der ältesten Graubärte unter den Kontrapunktisten" heißt es da. Inzwischen haben wir viel gelernt: Die Quint- und Oktavklänge, auf welche die Sätze des um 1400 Geborenen zusteuern, erscheinen uns nicht mehr als leer und öde, ja nicht einmal mehr als archaisch; wir beginnen vielmehr, sie als schwebungsfreien Ausdruck überirdischer Reinheit und Vollkommenheit zu genießen. Warum sollen wir also René Clemencic nicht glauben, wenn er im Beiheft dieser CD auch von dem "anmutigen Schmelz", der "Italianità" und Sinnenfreude der Dufayschen Melodien spricht?
Dennoch: Ein wenig graubärtig kommen die unbekannteren Hymnen und Motetten sowie das relativ bekanntere Magnificat schon daher. Zwar sind die Linien klar und durchhörbar, verstärkt durch das kopfig scharfe Timbre des Kontratenors und des gelegentlich mitblasenden Zinks. Doch dieser archaische Hautgout wirkt auf die Dauer penetrant, da ihn eine rhythmische Starre begleitet, die an frühere Interpretationsansätze mittelalterlicher Musik erinnert. Damals ließ man sich von dem Partiturbild der modernen Editionen beeinflussen: Diese passten die Musik in ein strenges, auf Taktschläge basierendes Schema ein, statt den Blick auf die geschichteten Einzelstimmen zu richten und die Zeit in Tondauern zu messen.
Ehrfurcht vor Graubart ist Clemencics Sache nicht: Trotz seiner Verdienste als Nestor der Alte-Musik-Szene überzeugt er am meisten als Mann mit Blick für das Populäre im dunklen Mittelalter. Die beste Gelegenheit dazu ergibt sich jedoch erst im letzten Stück - einem frühen Gloria-Credo-Paar: Hier zitiert Dufay die Melodien zweier deftiger Volkslieder - auf einen Tropustext zum Lobe der Jungfrau Maria, die beim Volke von jeher ungeheuer beliebt war. Das musiziert das Ensemble mit Biss und leichtem Swing, der sich auch auf die übrigen Stimmen des ehernen Satzgefüges überträgt. Und erst hier spürt man Clemencics Begeisterung unmittelbar in der Musik.

Carsten Niemann, 16.05.2002



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