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Henri Dutilleux

Sinfonie Nr. 2, Métaboles, The Shadows Of Time

Nationalorchester Bordeaux-Aquitanien, Hans Graf

Arte Nova/BMG 74321 80786 2
(72 Min., 9/2000) 1 CD

Drei Edelsteine aus der Werkstatt des großen Diamantenschleifers Henri Dutilleux, des einzigen wahren Nachfolgers von Debussy, präsentiert hier Hans Graf mit dem Nationalorchester von Bordeaux, von dem ich gar nicht wusste, dass es so gut ist - doch davon später.
Dass Dutilleux außerhalb Frankreichs noch nicht mit den ganz großen Komponisten seines Landes in einem Atem genannt wird, hat zwei Gründe: Erstens lässt sich Dutilleux schwer in irgendwelche Stil-Schubladen stecken, zweitens existiert von ihm nur wenig mehr als eine Handvoll Werke, da der extrem penible und selbstkritische Künstler jahrelang an jeder neuen Komposition feilt, bevor er sie veröffentlicht. Folglich gibt es von Dutilleux kein einziges schwaches Stück; seine Werke sind ausnahmslos von absoluter kompositorischer Perfektion, klanglich aufs Feinste austariert, wie man es sonst eben nur von Debussy und Ravel kennt - ohne dass Dutilleux' Musik der seiner Landsleute oder sonst irgendeines Komponisten im mindesten ähnelt.
Die feinste Ausbalancierung der Struktur und vor allem der klangfarblichen Werte ist es, die der vorliegenden Einspielung ihren besonderen Wert verleiht. Vielen Interpreten, etwa Jukka-Pekka Saraste (Finlandia), dient die Musik von Dutilleux lediglich als Vehikel für orchestrale Brillanz. Sarastes Aufnahme, aber auch der brillanten, aber etwas pauschalen Gesamteinspielung der Orchesterwerke unter Yan-Pascal Tortelier (Chandos) hat Grafs Interpretation der Zweiten Sinfonie und der "Métaboles" den Vorzug, dass sie viel stärker auf das bei Dutilleux so wichtige Innenleben des Klangs Rücksicht nimmt.
Grafs durchweg recht gemessene Tempi legen nicht nur das motivische Geflecht mustergültig offen, sondern auch die Mehrchörigkeit in der Sinfonie. Das dem großen Orchester entgegengesetzte Kammerensemble (der Untertitel des Werks ist "Le Double") wird hier, im Gegensatz zu den genannten Aufnahmen, viel überzeugender ins klangliche Geschehen intergriert, und die geisterhaften Schlagzeugsoli im dritten Satz der "Métaboles" erhalten bei Graf ihre ganz eigene Präsenz, nicht zuletzt aufgrund der Fähigkeit der Musiker zum echten Pianissimo.
Überhaupt das Orchester: Ein derart überzeugendes, gleichzeitig homogenes und farblich differenziertes Zusammenspiel hätte ich von ihm nicht erwartet. Lediglich die Streicher lassen etwas Volumen vermissen, und ein Vergleich mit den ganz Großen der Welt, etwa den Bostoner Sinfonikern mit Seiji Ozawa in "Shadows Of Time" (Erato), griffe vielleicht doch ein wenig zu hoch. Doch diese CD bietet bestes Niveau, und wer Dutilleux' fantastische Musik noch nicht kennt, sollte, auch angesichts des geldbeutelschonenden Preises, nicht zögern und sofort zugreifen.

Thomas Schulz, 01.02.2001



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