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Joseph-Hector Fiocco

Lamentationes hebdomadae sacrae

Greta de Reyghere, Jan van der Crabben

Assai/Note 1 222532
(55 Min., 9/2003) 1 CD

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Blütezeit der Lamentatio als musikalische Gattung bereits Geschichte: Das 15. und 16. Jahrhundert, die Zeit der Vokalpolyphonie, hatte einst jene spektakulären Lamentationszyklen eines Brumel, de la Rue, Tallis, Palestrina oder Lasso - um nur einige wenige zu nennen - hervorgebracht, die bis heute durch ihren schlichten Ernst, durch große Ausdruckstiefe und dunkel-wehmütige Schönheit faszinieren. Mit Beginn des 17. Jahrhunderts hatte die Lamentatio dann den stilistischen Paradigmenwechsel zur Monodie mitgemacht, dabei ähnlich wie das Requiem die neuen konzertanten Möglichkeiten verständlicherweise nur maßvoll adaptierend. Dennoch war das 17. Jahrhundert auch die Zeit der Dekadenz hinsichtlich der aufführungspraktischen Rahmenbedingungen für Lamentationszyklen: Längst schon wurden sie nicht mehr in klösterlicher Abgeschiedenheit am frühen Morgen der drei Kartage innerhalb der Matutin vortragen, sondern kamen jeweils am Vorabend, häufig in konzertanter Atmosphäre, zur Aufführung; auch das für die Kartage geltende Instrumentenverbot wurde übergangen.
Vor diesem Hintergrund sind die Lamentationes hebdomadae sacrae von Joseph Hector Fiocco (1703-1741), Kapellmeister an der Brüsseler Kollegiatskirche Saints Michel et Gudule, zu betrachten: Mit ihrer Entstehungszeit im Jahre 1733 gehören sie zur Spätblüte nicht nur der barocken Lamentation, sondern der Gattung überhaupt. Sie faszinieren durch ihren abgeklärten, edlen Charakter und werden dem ernsten Textgehalt u. a. insofern gerecht, als sie sich im instrumentalen Bereich auf tiefe Instrumente beschränken: Sie sind entweder allein für Solostimme und Basso Continuo komponiert oder enthalten zusätzlich ein bis zwei obligate Partien für Violoncello. Für jeden der drei Kartage schuf Fiocco drei mehrsätzige Lamentationen, von denen auf dieser CD insgesamt fünf enthalten sind. Die sehr melismatische, geschmeidig dahinfließende, nicht aber - wie etwa bei Couperin - stark verzierte Gesangstimme verflicht sich mit den elegant geführten instrumentalen Linien zu einem dichten, beweglichen Satz in grundsätzlich polyphoner Anlage. Wenn auch der Duktus in Anbetracht der düsteren Texte von der Zerstörung des sündigen Jerusalems hier und da eigenartig aufgeräumt und spielfreudig erscheint, überwiegt generell doch eine pietätvolle, gemessene Gestimmtheit. Greta de Reyghere, die seit vielen Jahre wenn auch wohl nicht in die allererste, so doch die vorderen Reihen der Alte Musik-Interpreten gehört, setzt die Stücke mit ihrer immer wohlklingenden und flexiblen, gelegentlich allenfalls ein wenig matten Sopranstimme insgesamt optimal um; fast noch mehr begeistert durch sein edles Timbre ihr Baritonkollege Jan van der Crabben, der leider nur vergleichsweise kurz zum Einsatz kommt. Nur als tadellos kann das wohl artikulierte, aussagekräftige Spiel der Instrumentalisten der Gruppe C bezeichnet werden.

Michael Wersin, 21.08.2004



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