Responsive image
Wilhelm Furtwängler

Sinfonie Nr. 1

Staatskapelle Weimar, George Alexander Albrecht

Arte Nova/BMG 74321 76828 2
(83 Min., 3/2000) 2 CDs

Wenn es um die Musik des 20. Jahrhunderts geht, wird Traditionalismus oft mit Verständlichkeit verwechselt. Je weiter entfernt von der bösen, bösen Moderne ein Werk angesiedelt ist, so denken wir gern, desto unmittelbar zugänglicher muss es sein. Gelegentlich trifft dieses Klischeebild ja auch tatsächlich zu - nicht jedoch bei der Sinfonik von Wilhelm Furtwängler, und ganz bestimmt nicht bei dessen Erster Sinfonie.
Furtwänglers Musik ist zeitfern wie kaum eine zweite und kann als letzte Blüte spätromantischer Musik in direkter Nachfolge Bruckners und Regers verstanden werden. Gegen dieses fast eineinhalbstündige Mammutwerk nehmen sich Werke von Webern oder, um einen lebenden Zeitgenossen zu nennen, Ligeti, wie leichtgewichtige, heitere Serenaden aus. Dem Hörer wie dem Orchester wird das Äußerste an Konzentration und Hingabebereitschaft abverlangt. Die gigantisch ausgeweitete Architektur des Werks erschließt sich erst allmählich, und die Orchesterbehandlung, obgleich überaus virtuos, weist keinerlei effektvoll funkelnde Glanzlichter auf.
Die tiefe Substanz dieser Musik steht außer Zweifel - dennoch stellt sich gelegentlich die Frage, ob Furtwängler hier nicht mehr gewollt hat, als er erreichen konnte. Schließlich hat er selbst die Sinfonie nach der ersten Probe zurückgezogen und noch verschiedentlich bearbeitet, ohne sie je aufzuführen. Die rekonstruierte Urfassung des Werks stammt übrigens vom Dirigenten der CD, George Alexander Albrecht, der Furtwänglers handschriftliche Ergänzungen mühsam entziffern und zum Teil Entscheidungen über fragliche Passagen fällen musste – über diesen Umstand hätte ich gern aus dem Beiheft etwas erfahren.
Die Bekanntschaft mit Furtwänglers riesigem sinfonischen Erstling lohnt sich aber durchaus, zumal zu dem günstigen Preis. Albrecht und das die zahlreichen Herausforderungen bewundernswert meistende Orchester vermitteln Struktur und geistigen Gehalt des Werks auf überzeugende Weise - und die Aufnahme klingt viel klarer und präsenter als die vor kurzem mit denselben Interpreten veröffentlichte Einspielung von Furtwänglers Dritter Sinfonie (siehe Rezension).

Thomas Schulz, 17.08.2000



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Es gibt zwei Arten von Variationswerken. Die einen machen ganz banal ihrem Namen alle Ehre und variieren etwas, in der Regel eine Melodie. Die anderen gehen darüber hinaus. In die erste Kategorie fallen unter anderem auch Werke prominenter Jubiläumskomponisten, die man getrost in der Schublade lassen kann. In die zweite Kategorie fällt eher wenig. Als Igor Levit sich 2015 den großen pianistischen Variationswerken widmete, durften zwei natürlich nicht fehlen. Klar, Beethovens […] mehr »


Top