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Olga Neuwirth

Bählamms Fest

Klangforum Wien, Johannes Kalitzke

KAIROS/helikon harmonia mundi 0012342 LC 10488
(93 Min., 6/1999) 2 CDs

Eiszeit mitten im Leben. Mit den ersten elektronisch gerierten Tönen umfängt den Hörer eine seltsame Kälte. Ein Zwiegespräch zwischen einer alten Dame und ihrem Diener beginnt, plötzlich erklingen erschreckend jaulende, aufheulende Klänge - ein Werwolf? Eine bedrohliche Welt öffnet sich, Elektronik und "natürliche" Instrumentalklänge amalgamieren zu einem mehrdimensionalen plastischen Gebilde, dem man sich nicht entziehen kann. Technisch ist das so gut gemacht, dass man auch in der Stereo-Abmischung das Gefühl hat, man sitzt mitten drin, man sitzt in einem Raum.
"Bählamms Fest" erzählt eine sadistische Familiengeschichte von Liebe und Hass, Lüge, Einsamkeit und Sehnsucht. Leonora Carrington hat dieses Epos 1940 in Frankreich veröffentlicht, Elfriede Jelinek das Libretto für das Musiktheater in 13 Bildern von Olga Neuwirth geschrieben. Der Surrealismus bietet ihnen ein Plateau, "sich die sinnlich wahrnehmbare Welt immer deutlicher und zugleich immer leidenschaftlicher bewusst zu machen" (André Breton). In Olga Neuwirths Worten heißt das "Man kann, so denke ich, durch Überhöhung, Künstlichkeit und ironische Verfremdung und Distanz viel tiefer zur Wirklichkeit zurückkehren". Sie spielt mit musikalischen Verfremdungen, Zitaten, Assoziationen und virtuos mit den Übergängen zwischen Elektronik und Instrumentalklang. Das Teremin Vox bringt eine spezielle Klangfarbe und Theatralik hinein.
Das Musiktheater, für die Bühne geschrieben, kommt hier als Hörspiel daher - und das ist wunderbar. Man ist nicht von vornherein abhängig vom Bild eines Regisseurs/-in, von der subjektiven Deutung durch einen Erzähler, und kann sich die Geschichte erst einmal pur anhören. Die Musik klingt so, wie die Komponistin es sich vorgestellt hat und die Abmischung ist optimal. Auf dieser Basis kann man gespannt sein, welche Bilder Regisseure dafür finden mögen. Warum ich das schreibe? Weil es leider vorkommt, dass Regisseure in einer Aufführung entscheidende Teile der Musik schlichtweg streichen (hier insbesondere die elektronischen Klangwandler) und die Bilder so opulent werden, dass man davon erschlagen wird. Als Zuhörer ist man dann enttäuscht - von der Musik, vom Werk. Nach dieser CD-Aufnahme kann man selbst mitreden und sich ein eigenes Bild machen. Mein Tipp: Erst hören - dann sehen!

Margarete Zander, 29.11.2003



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