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Per Nørgård

Sinfonie Nr. 6, Terrains vagues

Dänisches Nationalorchester/DR, Thomas Dausgaard

Chandos 0 95115 9042 1
(55 Min., 9/2000, 11/2001) 1 CD

"Zu guter Letzt" lautet die deutsche Übersetzung des Untertitels von Per Nørgårds Sechster Sinfonie. Das klingt nach Resümmee, nach Zusammenfassung und Rückschau, und Nørgård hat auch verlauten lassen, dass dies wohl seine letzte Sinfonie sein soll. Dazu lässt sich nur sagen: schade! Denn was der dänische Komponist, der im Juli seinen siebzigsten Geburtstag feierte, in diesem Werk an Energie und unbändiger Klangfantasie freilässt, würde manchem halb so alten Komponisten zur Ehre gereichen.
Nørgård ist schon lange einer der individuellsten europäischen Komponisten; Celibidache zählte ihn, zusammen mit Henri Dutilleux, zu den wenigen Zeitgenossen, die noch wirkliche Musik schreiben. Und dies gelingt Nørgård, ohne sich hörbar an Vorbildern zu orientieren. Vor allem klingt seine Musik keineswegs ausgesprochen skandinavisch im Sinne der viel beschworenen nordischen Schwermut.
Die prächtig instrumentierte Sinfonie katapultiert sich mitten hinein ins Geschehen; wellenförmig bewegen sich die Tonschichten, türmen sich auf zu gigantischen Brechern, verebben und nehmen allmählich wieder Gestalt an. Auch wenn es keine Tonalität im herkömmlichen Sinne gibt - und auch keine traditionelle sinfonische Entwicklung -, wirkt das Ganze doch ausgesprochen logisch und homogen; vielleicht, weil Nørgård seine Musik mittels einer selbst konstruierten "Unendlichkeitsreihe" organisiert. Wem das zu sehr nach Mathematik klingt, der sei beruhigt: Diese Klangwelt ist nicht Konstrukt, sondern Naturereignis. Der faszinierendste Moment kommt ganz zum Schluss - wenn, nachdem die Energien verebbt sind, sich ein Fenster zu einer völlig neuen Landschaft öffnet, leise, transparent, still vergnügt, fast kichernd.
Dieses Material wird dann in Nørgårds nächstem, noch wilderem und verrückterem Orchesterwerk "Terrains Vagues" weiter erforscht. An Klangpracht kann es diese Musik mit der eines weiteren momentan populären Skandinaviers, nämlich Magnus Lindberg, mehr als aufnehmen. Sie bietet aber mit ihren Ecken und Kanten den größeren Reiz und auch mehr Substanz. Beides wird von Thomas Dausgaard und dem vortrefflichen Dänischen Nationalorchester mit großem Erfolg umgesetzt.

Thomas Schulz, 10.10.2002



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