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Steven Mackey

Tuck and Roll, Lost and Found, Eating Greens

Steven Mackey, New World Symphony, Michael Tilson Thomas

RCA/BMG 09026 63826 2
(62 Min., 4/2000) 1 CD

"Wacky" - so wird die Musik des 1956 geborenen Amerikaners Steven Mackey gemeinhin charakterisiert, zu deutsch: durchgeknallt, und der Komponist selbst lässt dieses Attribut ausdrücklich gelten. Da hat er recht: Etwas Bunteres, Verrückteres und gleichzeitig Widerspenstigeres lässt sich in der zeitgenössischen Musik schwerlich finden.
Allein auf die Idee, ein Konzert für E-Gitarre und Orchester zu komponieren, kann wohl nur ein Amerikaner kommen. Die Kombination zweier so grundverschiedener und letztlich unvereinbarer Klangsphären ist natürlich heikel - die elektrische Gitarre steht nun einmal für Rockmusik, und Mackey will diese Herkunft auch gar nicht verleugnen. Daher stehen in "Tuck and Roll" zwei Welten nebeneinander, ohne eine echte Verbindung einzugehen. Und dennoch hat das Werk nichts gemein mit schalen "Pop-trifft-Klassik"-Produkten.
Mackey, der die E-Gitarre seit seiner Jugend spielt und sie meisterlich beherrscht, gelingt mit "Tuck and Roll" nichts weniger als ein Porträt seines Instruments mit all seinen Fassetten bis hin zu den automatisch mit ihm verknüpften Assoziationen des Rebellischen, Psychedelischen und nicht zuletzt des Sexuellen. "Tuck and Roll" ist kommunikativ und virtuos, ohne im herkömmlichen Sinn eingängig zu sein. Haken und Ösen an allen Ecken und Enden lohnen mehrmaliges Hören, und jedes Mal tun sich neue, interessante, witzige und faszinierende Details auf.
Das gilt auch für die anderen Werke der CD, die ohne Gitarre auskommen. Vielleicht kommt die Musik gelegentlich etwas zu selbstgefällig im Bewusstsein ihrer eigenen Verrücktheit daher - "Hey Leute, sagt doch mal selbst, bin ich nicht absolut durchgeknallt?" -, doch eine gewisse Widerspenstigkeit sowie eine bei aller offensichtlichen Freude an der Provokation stets spürbare kompositorische Substanz verhindert, dass das Ganze in Klamauk abgleitet.
Lediglich die Kontinuität, die Mackey in seinem wunderbar griffigen, lockeren und selbstironischen Einführungstext - welch eine Wohltat im Vergleich zu den verquasten Werkkommentaren vieler deutscher Komponisten! - seiner Musik zubilligt, vermag ich nicht immer zu entdecken. Dennoch: Nach Elliott Carter, dem großen alten Mann der Moderne, und John Adams, dem Meister des intelligenten Mainstream, schreibt Steven Mackey die originellste Musik, die seit langem aus Amerika zu hören war.

Thomas Schulz, 04.10.2001



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