Es ist der 60. Breitengrad. Eine Gruppe von Menschen sitzt in der Wartehalle eines Flughafens. Draußen wütet ein Schneesturm. Der Weiterflug verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Derweil unterhalten sich die Leute, ohne sich wirklich näherzukommen. Zwei Morde geschehen, ein etwas seltsamer Wissenschaftler trägt das Gehirn Albert Einsteins in einem Glas mit sich herum ...
Ein passender Stoff für einen Kinofilm. Wahlweise einen spannenden, aber mit den üblichen Klischees behafteten aus Hollywood, oder einen geistig hochstehenden Autorenfilm aus Deutschland, den aber außer ein paar Kritikern keiner versteht. Es handelt sich jedoch um eine Oper, die der achtundvierzigjährige französische Komponist Philippe Manoury komponierte, und in gewisser Weise bewegt sich das Stück zwischen den beiden genannten Extremen. Zuerst einmal lässt es aufatmen, dass, unter all den modernen europäischen Literaturopern und Heiner-Müller-Vertonungen, endlich mal einer ein zeitgenössisches Thema gewählt hat. Sonst trauen sich das immer nur die Amerikaner.
Ob das Stück als Musiktheater wirklich funktioniert, ist anhand der CD-Einspielung nur für denjenigen beurteilbar, der des Französischen mächtig ist. Was es auf Deutsch und Englisch zu lesen gibt, ist ein sehr informativer Einleitungstext von Manoury selbst und ein weniger erhellendes Gespräch zwischen Komponist, Textdichter und Regisseur, in dem viel Theatertheoretisches zu lesen ist und Namen wie Valéry, Beckett (natürlich!) und Ingmar Bergman sich ein Stelldichein geben. Die Übersetzung des Librettos wäre mir lieber gewesen.
Wirklich lohnend ist die Musik, in der Manoury das Kabinettstück fertig bringt, einerseits auf der Höhe der Zeit zu stehen (er arbeitet am Pariser IRCAM und integrierte elektronische Musik in seine Oper), andererseits mit einem sehr farbigen, sinnlichen und ideenreichen, unverkennbar französischen Stil unmittelbar zugänglich zu sein. Hinzu kommt, dass Manoury keine Experimente bezüglich Stimm- und Textbehandlung eingeht; dies ist eine Oper für Sänger, die gefordert werden und sich wohlfühlen dürfen, und der Text wird meist syllabisch, also verständlich, wiedergegeben.
Dem Publikum bei der Pariser Erstaufführung schien's jedenfalls sehr gefallen zu haben (es handelt sich um einen Mitschnitt), und auch wer kein Französisch versteht, sollte in die Musik einmal 'reinhören. Es lohnt sich. Den Namen Manoury wird man sich merken müssen.

Thomas Schulz, 09.11.2000



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