Extreme Sparsamkeit der Ausdrucksmittel kennzeichne die Musik Armeniens seit je. So spricht der armenische Komponist Tigran Mansurian. Doch seine Musik scheint vor Leidenschaft zu lodern - und sogar in den verhaltenen Passagen, wenn Instrumente und Menschenstimmen die Töne umkreisen, als seien sie ohne die geringste Aussicht zu finden auf unermüdlicher Suche, brodelt es unter der Oberfläche, einem filigranen Netz weitschwingender Melodien und dunkel-rhythmischer Begleitfiguren. Die amerikanische Bratschistin Kim Kashkashian, selbst armenischer Abstammung, ist eine kongeniale Führerin durch den Kosmos Mansurians. Das hat sie schon im vorigen Jahr mit der ECM-Aufnahme "Hayren" bewiesen, die gemeinsam mit Mansurian entstand und auf der auch Stücke von Vartabed Komitas klangen, dem Doyen aller modernen armenischen Musik. Wobei der Begriff "modern" hier leicht in die falsche Richtung führt, denn das Wesen zeitgenössischen armenischen Komponierens ist eher bestimmt von der Überführung traditioneller Volksliedstrukturen in Kompositionstechniken unserer Zeit: ihre auch äußerlich spürbare Binnenspannung macht den herben Appeal dieser konzertanten Musik aus.
Ob im Konzert für Viola und Orchester "...and then I was in time again", einer innigen Zwiesprache mit Jan Garbareks Saxophon ("Lachrymae") oder zusammen mit den Sängern des Hilliard Ensembles in den zu drei expressiv verinnerlichten Sätzen gefügten Gebeten "Confessing With Faith": stets sind der dunkle, erdige Ton der Bratsche und Kim Kashkashians muskulöses Musizieren Orientierungspunkte in Mansurians verzweigten Klanggebäuden mit ihren Terrassen und Zinnen, den spiralförmigen Treppenhäusern und jäh aufragenden Türmen. Die drei Werke, in der zweiten Hälfte der Neunziger entstanden, klingen hier zum ersten Mal auf CD. Das eindringliche Komponisten-Porträt rundet eine Neuaufnahme des 1981 entstandenen Violinkonzerts mit Leonidas Kavakos ab.

Andreas Obst, 06.03.2004



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