Im Jahre 1828 vermählte sich die noch junge deutsche romantische Oper - ihr bis heute faszinierendes Debüt ist Webers "Freischütz" - mit einem Sujet, das ebenfalls noch keineswegs in voller Blüte stand: Dass ein Vampir nicht bloß eine Blut trinkende Kreatur, sondern gelegentlich ein untoter Mensch ist mit der fatalen Fähigkeit, auch seine Opfer in denselben schrecklichen Zustand zu transferieren, führte Bram Stoker in seinem "Dracula"-Roman erst Ende des 19. Jahrhunderts auf ungemein publikumswirksame Weise aus. Es ist hingegen John Polidori, einem Dichter aus dem Shelley-Byron-Kreis, zu verdanken, dass auch Heinrich Marschners "Vampyr" schon ein gewisser Lord Ruthven sein konnte, dem es beinahe gelingt, in der vorgegebenen Frist von 24 Stunden drei bedauernswerte Frauen mit seinem geradezu magischen Charisma zu umgarnen und dann zu beißen, um selbst nicht in die Hölle fahren zu müssen. Beinahe nur - um Ende wird der Böse dann doch durch einen Blitzstrahl vernichtet, dabei die Hinterbliebenen mit nicht unwesentlichen Problemen zurücklassend: Immerhin wurde Malwina, das potentielle dritte Opfer, durch ihren eigenen Vater zur Hochzeit mit dem Vampir gedrängt.
Als Malwina hören wir in dieser Münchner Live-Aufnahme von 1974 die zauberhafte, allzu früh verstorbene Arleen Augér, als "Vampyr" den stimmgewaltigen Schweizer Bariton Roland Hermann. Er - übrigens nach Fritz Wunderlich der einzige Schüler der blinden Freiburger Gesangslehrerin Margarethe von Winterfeldt, der es noch zu einem gewissen Ruhm brachte - demonstriert mit seinem kernig-kraftvollen Zugriff auf die durchaus fordernde Partie, dass sich hier bereits das spätere Wagner'sche Heldenbariton-Fach ankündigt. Ein weiterer Name auf der Besetzungsliste lässt aufhorchen: Die junge Anna Tomowa-Sintow - fünf Jahre später sollte sie in München als Aida Furore machen - erscheint mit ihrer metallischen, energiegeladenen Stimme in der Rolle der Emmy. Ein insgesamt fesselnder, sehr hörenswerter Live-Mitschnitt einer selten zu erlebenden Oper also - die Aufnahmequalität allerdings lässt ein wenig zu wünschen übrig.

Michael Wersin, 02.06.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Gab es einen größeren Goethe-Verehrer unter den Komponisten als Ludwig van Beethoven? Den Poeten lernte Beethoven 1812 kennen, da hatte er sich von dessen Werken schon längst zu eigenen Kompositionen inspirieren lassen, vor allem zu einer ausgedehnten Bühnenmusik zum Trauerspiel „Egmont“. Eine geniale Mischung aus Poesie bzw. poetischer Andeutung und musikalischer Ausgestaltung, aus Worten und Klang. Diese Musik habe er „bloß aus Liebe zum Dichter geschrieben“, meinte Beethoven in […] mehr »


Top