Zu Lebzeiten erlangte Johann Simon Mayr (1763-1845) schnell die seinem spektakulären und bedeutsamen Wirken angemessene Berühmtheit, heute spielt er im Kulturleben keine große Rolle mehr. Da wird es Zeit, dass einige Eckpfeiler seines kompositorischen Schaffens wenigstens auf CD zugänglich gemacht werden, was bisher kaum der Fall war. Der Ingolstädter Münsterorganist und -chorleiter Franz Hauk widmet sich seit einiger Zeit der Kirchenmusik des im nordöstlich von Ingolstadt liegenden Mendorf geborenen Meisters, und mit der vorliegenden Doppelbox setzt er seine Reihe ansprechender Einspielungen von ausgewählten Werken fort. Gute Dienste erweisen ihm dabei das in Ingolstadt ansässige Georgische Kammerorchester - es klingt unter seiner Leitung weitaus homogener und inspirierter als bei manch anderer Gelegenheit - sowie das von ihm selbst gegründete Vocalensemble Ingolstadt, ein engagierter Laienchor auf gehobenem Niveau.
Das 1794 entstandene Oratorium "La passione" folgt nicht der biblischen Leidensgeschichte wie etwa die Passionen Bachs, sondern bietet in zwei Teilen eine Betrachtung des Leidens Christi vor und während der Kreuzigung. Zu Wort kommen außer den vom Chor verkörperten "Anhängern Jesu" auch Maria, Maria Magdalena, Johannes und Josef von Arimathea. Mayr komponierte das Stück schon in seiner italienischen Wahlheimat (1789 war er nach Bergamo übergesiedelt), aber noch vor seinen erfolgreichen Opern, die ihn in den folgenden Jahren weithin bekannt machen sollten. Entsprechend konventionell, aber von hoher handwerklicher Qualität ist die musikalische Faktur: Der intensive Wort-Ton-Bezug beruht auf einer profunden Beherrschung des aus der Barockzeit überkommenen Repertoires aussagekräftiger Figuren, wirkungsvoll unterstützt durch differenzierten und einfallsreichen Einsatz des aus Streichern, einigen Holzbläsern sowie Hörnern bestehenden Orchesters. Von den vier Gesangssolisten dieser Aufnahme hinterlässt Robert Merwald (Josef von Arimathea) mit seiner sonoren, gut geführten Bassbariton-Stimme den geschlossensten Eindruck, gefolgt von der angenehm timbrierten Sopranistin Maria Jette (Maria) und der ebenso wohlklingenden Altistin Claudia Schneider. Nicht hundertprozentig höhensicher und intonationsrein agiert der hinsichtlich seines glänzend-metallischen Materials allerdings durchaus überzeugende Tenor Hartmut Schröder.

Wolfgang Wendel, 12.04.2003



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