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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



So lange keine DVD der Uraufführung von 1728 auftaucht, könnte Jonathan Millers BBC-Produktion wohl als die klassische Produktion der Beggar's Opera Bestand haben. Denn so überzeugend wie das Stück in dieser Fernsehspielfassung präsentiert wird, lässt es sogar Brecht/Weills Dreigroschenoper, die ja nur eine zweihundert Jahre jüngere, aktualisierte Fassung desselben Stücks ist, ziemlich alt aussehen. Gays geniale Parodie, welche die ernste barocke Oper mit ihren adligen Helden und gepuderten Primadonnen ins Banditenmilieu versetzt und damit (an der Zensur vorbei) die ganze bessere Gesellschaft Englands als skrupellos, korrupt und brutal entlarvt, sie lassen Miller und Gardiner so viel als möglich für sich selbst sprechen. Heraus kommt ein ebenso hoffnungsloses wie witziges Gesellschaftsporträt, das in seiner sarkastischen britischen Ironie weniger Brecht denn Oscar Wilde voraus nimmt. Das Stück des Höflings John Gay wirkt deshalb so authentisch, weil er sein Milieu genau recherchiert hatte: Man kann hier sogar lernen, wann man ein Opernpublikum am besten beklaut. Jonathan Miller ist ein ebenso genauer Beobachter. Und seine Sängerdarsteller, die keine Opernsänger, sondern - wie The Who-Leadsänger Roger Daltrey oder Fernsehschauspieler Stratford Johns - "Quereinsteiger" sind, sie können diese Beobachtungen auch in Spiel und durchaus stilgerecht wirkenden Gesang umsetzen. Sie bewegen sich in den historischen Kostümen so natürlich, als würden sie nie etwas anderes tragen; sie lassen den Text mit seinen zahlreichen und oft nur wenige Takte langen Liedeinlagen in allen Tonarten des an der hässlichen Wirklichkeit studierten Lebens klingen: mit einem unerschöpflichen Schatz an Nuancen zwischen Verschlagenheit, Verzagtheit, Besoffenheit, echten, falschen und verzweifelten Liebesschwüren - und immer wieder bewegender Angst vor dem stets drohenden Galgen.

Carsten Niemann, 15.10.2005



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