Der italienische Gambist Vittorio Ghielmi hätte es sich für sein neuestes Recital "Full of Colour" auch einfacher machen können, um zu zeigen, was aus dem tief geschnürten Resonanzraum seines Instruments so alles an drängenden Farben und Stimmungen heraus schwingen kann. Da hätte er nur die English Baroque Connection um Tobias Hume und John Jenkins beispielsweise ganz populär mit den französischen Großmeistern à la Marin Marais kurzschalten müssen. Aber Ghielmi ist nicht nur ein besonders eifriges Trüffelschwein, wenn es um den Repertoire-Mutterboden geht. Bei ihm löst das Spiel mit den Jahrhunderte alten Tanz-Rhythmen, mit den lautmalerischen Effekten und den die Melancholie abtastenden Melodieströmen ein derartiges Echo aus, dass selbst zeitgenössische Jazz-Musiker wie der niederländische Cellist Ernst Reijseger davon profitieren können. Und umgekehrt dann wieder auch Ghielmis vierköpfiges Gamben-Consort Il Suonar Parlante. Herausgekommen ist somit eine Rundreise durch das Gamben-Europa des 17. Jahrhunderts und seinen von Reijseger interpretierten Spuren.
In dieser Kombination aus alter und aktueller Musik kommt es daher zu erstaunlichen Gegenüberstellungen und Überlagerungen von Klassik und Jazz (Reijsegers minimalistisch schwungvolles "Verder Green Nieuws" - Vincenzo Ruffos dezent swingender "La Danza"), steckt in Reijsegers "Colla Parte" mit seiner Anmut und den Vogelschnäbeleien in den Gamben eine pastorale Schönheit wie aus einer weit zurückliegenden Epoche. Jedes der insgesamt 21 Stücke, die von einem No-Name wie Elway Bevin (1554-1638) bis zu dem von Ghielmi arrangierten Dudelsack-Pumpen reicht, mag zwar für sich allein schon dank des ungemein klangsinnlichen Zusammenspiels der fünf Musiker Balsam für Geist und Seele sein. Doch das eigentliche Wertvolle ist ein musikdramaturgisch gemeinsamer Atem, der die Poesie des Gamben- (und Cello-)Spiels in grenzenlos vollen Zügen zu neuem Leben erweckt.

Guido Fischer, 02.06.2006



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