Alban Bergs Lulu am Ort ihrer postumen Uraufführung (1937) in einer musikalischen Fassung, die der vom Komponisten hinterlassenen fragmentarischen Gestalt des Werkes Rechnung trägt: Der Dirigent Franz Welser-Möst entschied sich bei seiner Zürcher Produktion nicht für die von Friedrich Cerha Ende der siebziger Jahre vervollständigte Version, sondern griff zurück auf die Fassung mit der eingeschobenen Lulu-Suite, die Berg selbst 1934 für eine Vorabaufführung unter Erich Kleiber geschaffen hatte. Welser-Möst begründet diese Entscheidung im angehängten "Special Feature" mit Alban Bergs eigener, aus Briefen zu entnehmender Verwirrung hinsichtlich einer stimmigen, adäquaten Fertigstellung des Torsos, zu der er durchaus noch Zeit gehabt hätte. Regisseur Sven-Eric Bechtolf illustriert die instrumentalen Passagen am Ende der Oper mit einem Film, der in beklemmenden Bildern seine Deutung des zerstörerischen Charakters der Titelfigur verdeutlicht: Kindsmissbrauch, und zwar verübt durch Dr. Schön, der die damals zwölfjährige Lulu unter seine Fittiche nahm, habe ihre Seele getötet und sie zu jenem Verderben bringenden Geschöpf gemacht, als das sie die ganze Oper hindurch ihr Unwesen treibt.
In der Titelpartie brilliert Laura Aikin, die der Lulu sowohl stimmlich als auch schauspielerisch ein überaus prägnantes Gesicht verleiht: Katzengleich-geschmeidig, kalt und mit in unbeobachteten Momenten schauerlich verdorbener Mimik konterkariert Lulu ihre körperlichen Reize, die über weite Strecken durch eine Ganzkörper-Strumpfhose hindurch scheinen. Mit ihren überragenden vokalen Gestaltungsmöglichkeiten wird Laura Aikin sowohl der spielerisch-koketten wie auch der zunehmend dramatischen Seite der Partie gerecht; ihre Spitzentöne gegen Ende schneiden direkt ins Herz. An ihrer Seite machen sich u. a. Alfred Muff (Dr. Schön), Peter Straka (Alwa) und Steve Davislim (Maler) mit großer Überzeugungskraft und weitgehend hervorragender stimmlicher Präsenz unglücklich. Die Regie arbeitet das ganze Stück hindurch mit starken Bildern und Gesten voller Blutrünstigkeit und unverhohlener Gewalt; die beiden schwarz-weißen Videorückblenden während der Verwandlungsmusik intensivieren diese Aspekte noch einmal. Die Altersfreigabe ab zwölf Jahren scheint daher etwas fragwürdig.

22.06.2004



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