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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



In der heutigen Zeit, wo es schwer ist, noch jemanden gruseln zu machen, haben es die Amerikaner wieder einmal geschafft: Sie machen Opern nach den Aufzeichnungen einer Sozialarbeiter-Nonne und aus Mördern Betbrüder. Beides kommt hier zusammen. Wem es da nicht kalt den Rücken runter läuft, dem ist nur noch mit dem Bild auf Seite 16 des Beiheftes zu helfen, wo die originale Schwester Helen Prejean abgebildet ist.
"Dead Man Walking" sagt man in Amerika, wenn der Todeskandidat den Gang zur Hinrichtungsstätte antritt. Dieser paradoxale Ausdruck entspricht der attraktionsheischenden Sentimentalität amerikanisch-christlicher Provenienz, die von dem Gedanken, dass wir letztlich alle "Dead Men Walking" sind, noch nichts gehört hat und die nicht fähig ist, diesen Gedanken in irgendeiner Weise intelligent-konsequent auszufüllen.
Wie im Film "Dead Man Walking" (mit Susan Sarandon und Sean Penn) betreut Schwester Helen den zum Tode verurteilten Mörder zweier Jugendlicher, und sie versucht zuerst ganz irdisch, ihn vor der Hinrichtung zu retten. Als diese sich aber als unabwendbar erweist, interpretiert Schwester Helen sie kurzerhand um in den reuevollen Opfergang eines armen Sünders.
Die Oper zitiert alle denkbaren Klischees und drückt aufdringlich auf die Tränendrüse. Das Libretto von Terrence McNally verzichtet zudem auf die untergründige wie brisante Liebesgeschichte zwischen der Nonne und dem Mörder, die den Film auszeichnete. Wer sich das Gejammer um die Todesstrafe und ihre christliche Legitimierung angereichert mit Gewaltmetaphern und Gospels anhören will, dem wird es in diesem Mitschnitt der Uraufführung aus San Franzisko in Perfektion dargeboten.

Cornelia Wieschalla, 11.04.2002



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