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Johann David Heinichen

Lamentationes, Passionsmusik

Mechthild Georg, Axel Köhler, Jörg Dürmüller, Scott Weir, Raimund Nolte, Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel

Archiv Produktion 447 092 2
(129 Min.) 2 CDs

Nach der atemberaubenden Einspielung der Concerti grossi nun ein Blick in das umfassende geistliche Schaffen Johann David Heinichens, jenes am Dresdner Hof des kunstsinnigen August des Starken tätigen Kompositeurs, um dessen Stelle sich 1733, vier Jahre nach Heinichens Tod, ein gewisser J. S. Bach aus Leipzig — vergeblich — bewarb.
Obwohl die vorliegenden lateinischen und deutschen Passionsmusiken wohl kaum Bachs Werken an die Seiten zu stellen sind, so offenbaren sie doch eine ganz eigene, ungewöhnliche Tonsprache, die italienische und französische Stilelemente mit der in Dresden praktizierten festlichen und instrumental höchst entwickelten Musizierpraxis verbindet. Dabei fesseln weniger die drei lateinischen Lamentationen Jeremias, die zwar eine erlesene, ausdrucksvolle „vocalità" zeigen, in der Summe ihrer mehr oder minder gleich-förmigen Anlage und ihrem durchweg schreitenden Trauer-duktus aber etwas ermüden; vielmehr dürfen die Psalm-Vertonungen und das deutsche Passionsoratorium „Nicht das Band, das dich bestricket" neue, überaus lohnenswerte Ausgrabungen Goebels genannt werden.
Eindruck machen hier vor allem der Goebel-typische Orchestergestus: kurze, trocken-prägnante Bass-Einwürfe über wunderbar warmen Streicher- und Oboenkantilen und vor allem die geradezu unerbittliche, naturalistische Textaus-deutung, etwa beim chromatisch leidenden „Sünder", den furiosen „Blitz und Donnerkeilen" im Oratorium oder im geradezu tonmalerischen „Der Herr lachet und spottet ihr'" in „Warum toben die Heiden". In solchem bedingungslosem, dabei technisch in der Ensemblehomogenität restlos überzeugenden Ausdruckswillen ist Goebel mit seiner Musica Antiqua gewissermaßen zu Hause.
Schlichtweg Atemberaubendes müssen die Vokalsolisten beisteuern. Und da zeigen sich Mechthild Georg (Sopran), Axel Köhler (Altus), Jörg Dürmüller und Scott Weir (Tenor) sowie Raimund Nolte (Bass) auch in den „Grenzgängen" des Machbaren als souveräne Partner.

Christoph Braun, 31.03.1996



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