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Nikolai Miaskowski

Sinfonien Nr. 6 es-Moll und Nr. 10 f-Moll

Chor von Ekaterinburg, Philharmonisches Orchester Ural, Dmitri Liss

Warner Classics 2564 63431-2
(78 Min., 2/2006) 1 CD

Ein wenig staunen muss man schon über den frenetischen Beifall, den die sechste Sinfonie Nikolai Miaskowskis bei ihrer Uraufführung 1924 am Bolschoitheater fand – nicht etwa, weil sie ihn nicht verdient hätte, im Gegenteil; aber angesichts der komplexen Anlage des gut einstündigen, mit großem Orchesterapparat und obligatem Chor (im Finale) aufwartenden Werkes und seiner weitgehend sperrigen, stark chromatisch-dissonierenden Tonsprache muss man das damalige Moskauer Publikum entweder für höchst kunstsinnig halten oder aber vermuten, es habe sich vom vergleichsweise eingängigen Schlusssatz "versöhnlich" stimmen lassen: Schließlich beginnt dieser mit jubilierenden Blechbläserfanfaren (die eher an feudale Jagdszenerien als an die damals allseits gefeierten sowjetischen Revolutionssiege erinnern) und endet in harmonischem Es-Dur-Frieden. Vielleicht würdigten die Moskauer aber auch die zahlreichen Reminiszenzen an Tschaikowskys "Pique Dame" und "Pathétique" sowie an Mussorgskys "Boris Godunow", die der 40-jährige Miaskowski als eigenständiger, von Prokofjew und Schostakowitsch hochgeschätzter Fortentwickler dieser Tradition in sein Opus 23 einbaute.
Wie dem auch sei: Das versöhnliche Ende führt, will man sich einen Gesamteindruck dieser berühmtesten und längsten aller 27 Miaskowskisinfonien verschaffen, in die Irre. Denn zuvor, vor allem im 22-minütigen Kopfsatz, wird der Hörer in düstere, von Schmerz und Kampf zeugende es-Moll-Endzeitwelten geführt. Inmitten von sehrend-versengenden, an Skrjabin erinnernden Feuerzungen finden sich nur wenige lyrische Verschnaufpausen. Überhaupt scheint der persönlich hochsensible, von seinen Kollegen nicht nur als künstlerische, sondern auch als moralische Instanz in Zeiten stalinistischer Repression geachtete Miaskowski Unsicherheit und Instabilität zum Signum dieses seines Vorzeigewerkes erkoren zu haben. Hier wie auch bei der einsätzigen, 17-minütigen zehnten Sinfonie, die auf meisterliche Art kontrapunktische Komplexität mit schneidend scharfer Ausdrucksgewalt verbindet, spornt der bei Kitaenko ausgebildete Dmitri Liss seine Philharmoniker und Choristen aus Ekaterinburg zu großem, auf Präzision und Kompaktheit bedachtem Engagement an. Allenfalls das Klangbild hätte, wie ein Vergleich mit Neeme Järvis Einspielung zeigt, plastischer ausfallen können. Ein solch gelungenes Miaskowski-Plädoyer hat jedenfalls gerade auch im Schostakowitschgedenkjahr seine Berechtigung, zumal die meisten Konzertführer noch immer eine sträfliche Miaskowski-Ignoranz an den Tag legen.

Christoph Braun, 19.01.2007



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