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Antonio Lotti

Requiem, Credo, Miserere

Balthasar-Neumann-Chor, Balthasar-Neumann-Ensemble, Thomas Hengelbrock

DHM/BMG 05472 77507 2
(69 Min., 11/1998) 1 CD

Allenfalls Antonio Lottis „Crucifixus“, das hier als zweiter „Credo“-Teil eingespielt wurde, ist unter Choristen bekannt - dieses einzigartige, in seinem Harmonien- und Dissonanzenreichtum so expressive, zeitlos gültige musikalische Zeugnis der Kreuzigung Christi. Lotti verbrachte die meiste seiner von 1667 bis 1740 währenden Lebenszeit als „maestro di cappella“ am Markusdom in Venedig, also am damaligen Musik-Zentrum Europas. Auch jenseits der Alpen war er höchst gefragt: 1717 reiste er für kurze Zeit an den Dresdner Hof und heimste Reputationen en masse ein. Überhaupt müssen ihn die Zeitgenossen geschätzt haben, nicht wenige seiner Werke wurden bearbeitet und unter fremder Feder veröffentlicht. Was Thomas Hengelbrock auf seiner neuesten CD präsentiert, ist dagegen der originale Lotti - eine Entdeckung.
Auch wenn der Barock-Markt inzwischen gut gefüllt ist mit „Entdeckungen“ - hier trifft die Bezeichnung zu, ohne Abstriche. Hengelbrock greift nicht zu hoch, wenn er von dem bedeutendsten Requiem vor Mozart spricht, das Lotti hinterlassen habe. Das gut vierzigminütige Werk wartet nach einem eigenartig gelösten, pastoralen F-Dur-Beginn mit höchst abwechslungsreichen, von polyfoner Kunstfertigkeit und harmonischen Einfällen überreichen Abschnitten auf.
Thomas Hengelbrock wäre nicht einer der aufregendsten, vielseitigsten Jungmeister unter den Dirigenten unserer Tage, brächte er nicht derart sinnlich und sinnfällig Lottis plastische Tonsprache zum Klingen. Herb fährt das „Dies Irae“ drein, nicht minder schrecken das mit gedämpften Trompeten und kurz abgerissenen Streicher-Akkorden aufwartende „Solvet saeclum“ und „Quaeres me“ auf, wohingegen das „Recordare“ und „Lacrimosa“ einen überaus zarten und fragilen Leidensgesang anstimmen.
Seltsam dabei, wie scheinbar ganz unbekümmert kantabel, dem „schaudernden“ Text-Inhalt entgegengesetzt die Sätze „Mors stupebit“ und „Confutatis“ daherkommen - als hätte Lotti bereits die nahe Erlösung im Blick. Geeignetere Interpreten für diese Musik wird man nicht finden können: Wie sich die höchst kultivierten, auch solistisch agierenden Choristen das polyfone Stimmgewebe auffächern, das ist berückend und lässt keine Wünsche offen. Nur die Akustik hätte weniger trocken sein dürfen.

Christoph Braun, 30.04.1999



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