Pietro Locatelli

L'Arte del Violino op. 3: Konzerte Nrn. 1, 2, 10 und 11

Giuliano Carmignola (Barockvioline), Venezianisches Barockorchester, Andrea Marcon

Sony SK 89725
(70 Min., 5/2001) 1 CD

Dass dieser oder jener Musiker alles dem unmittelbaren Ausdruck unterordne, wird immer wieder behauptet. Positives, wie packende Emotion und Unbedingtheit, kann ebenso damit gemeint sein wie Negatives, also etwa ein allzu individualistischer Zugriff oder auch ein unzureichendes spieltechnisches Potenzial, das dem Ausdruckswillen nicht nachkommt. Der Geiger Giuliano Carmignola aber hat, was so viele suchen: Er spielt enorm expressiv, und seine Technik ist rechts wie links einfach deshalb kein Thema, weil sie schlichtweg stupend ist.
Dabei ist Carmignolas Instrument die Barockvioline. Die klingt bei ihm aber weder spirrig noch sperrig. Nein: Sie flüstert, singt, jubiliert, klagt, lacht, tanzt, stöhnt und schluchzt. Reichlich Portamenti sind gleichfalls dabei und einiges Zigeunerische auch - doch wer fragt schon nach den Mitteln, wenn das Ergebnis so hinreissend ist?
Natürlich hat Pietro Locatelli erst einmal all das komponieren müssen, was der Geiger braucht, um sein kleines Universum der gestrichenen Gefühle derart vor uns auszubreiten. Doch in seinen Konzerten, deren Satzfolgen mit ihren vielen solistischen Einschüben die Lust am Unkonventionellen schon eingeschrieben ist, findet sich ausreichend Humus, in dem Carmignolas reiche Interpretation wurzeln und in dem auch das fein gestaltende Venezianische Barockorchester Fuß fassen kann. Wer auch immer wo auch immer die kleinen Fluchten aus Normalität und Konventionen sucht, der sollte diese Musik hören. Sie wird ihn stärker machen.

Susanne Benda, 04.04.2002



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