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Peter Lieberson

Raising The Gaze, Drala, Free and Easy Wanderer, Accordance u.a.

Rosemary Hardy, London Sinfonietta, Asko Ensemble, Cleveland Orchestra, Oliver Knussen

Deutsche Grammophon 457 606-2
(67 Min., 1994 - 1998) 1 CD

Es gibt also doch noch Musik aus Amerika, die jenseits von Post-Hollywood und Post-Minimal angesiedelt ist. Peter Lieberson, Jahrgang 1946, war mir bislang nicht bekannt, aber da ist mir wohl etwas entgangen, denn wenn Leute wie Peter Serkin, Seiji Ozawa und, auf dieser CD, Oliver Knussen sich tatkräftig für seine Musik einsetzen, dann muss etwas daran sein.
Und tatsächlich: Die Kompositionen aus den Jahren 1972 bis 1998 offenbaren einen Komponisten, der nicht nur sein Handwerk glänzend beherrscht - das tun viele -, sondern auch die Kunst, sich für seine Stücke genau den Zeitrahmen zu wählen, den die in der Musik enthaltene Botschaft erfordert. Keine Note zu viel und keine zu wenig findet sich in den durchweg handlich-kurzen Werken. Vielleicht hat diese Beschränkung auf das Wesentliche ja damit zu tun, dass Lieberson praktizierender Buddhist ist. Doch irgendeine Art von Meditationsatmosphäre suchen Anhänger spirituell gefärbter Musik in Liebersons Partituren vergeblich. Stattdessen: Disziplin, Konzentration auf der einen, Farbenpracht und harmonische Üppigkeit auf der anderen Seite.
Den Hang zum klanglichen Luxus und zur unmittelbar ansprechenden Formulierung hat Lieberson allerdings erst später für sich entdeckt. Frühe Werke, etwa das "Concerto" geben sich noch recht spartanisch, zwischen Schönberg und spätem Strawinsky. Die Zwölftontechnik hat Lieberson von Anfang an in seine Sprache mit einbezogen, ohne sie jedoch dogmatisch zu benutzen. Hauptwerk der CD ist "Drala", ein siebzehnminütiges viersätziges Orchesterwerk von verschwenderischer Gedanken- und Charakterfülle, von filigransten Gespinsten bis zum brachialen Orchestergetöse sich entfaltend und in einer Rhythmusorgie endend. Orchester wie Publikum werden hier reich beschenkt.
Im jüngsten Stück, "Free and Easy Wanderer", gelangt Lieberson zu einem wunderbar frei schwebenden, poetischen und gleichzeitig disziplinierten Musizieren, das manch zentraleuropäischem Komponisten zum Vorbild gereichen könnte. Ich kann gut verstehen, dass Oliver Knussen sich für diese Musik begeistert, denn einiges von Liebersons spielerisch-entspannter Grundhaltung auf knappem Raum findet sich auch in Knussens eigener Musik. Nicht umsonst sind die beiden befreundet. Wer da wen beeinflusst hat? Egal. Es ist Musik, die sich lohnt, und darauf kommt es an.

Thomas Schulz, 21.03.2002



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