Unter den Komponisten, die um die Jahrhundertwende versuchten, die Musiksprache Wagners auf einen volkstümlichen Realismus nach dem Vorbild des italienischen Verismo herunter zu brechen, war der Österreicher Wilhelm Kienzl einer der erfolgreichsten. Vor allem sein 1895 uraufgeführter "Evangelimann" gehörte neben Eugen d’Alberts stilistisch ähnlich gelagertem "Tiefland" noch vor 40 Jahren zum festen Stadttheaterrepertoire. Grund für den Erfolg waren neben der griffig sentimentalen Story natürlich die eingängigen Melodien und vor allem der Hit "Selig sind, die Verfolgung leiden", einst ein Paradestück Rudolf Schocks. Im vergangenen Jahr versuchte die Wiener Volksoper, den mittlerweile etwas in Vergessenheit geratenen veroperten Bauernroman zeitgemäß aufzupolieren: Die Regie von Josef Ernst Köpplinger verlegte die Handlung ein Jahrhundert nach vorn und siedelte die traurige Geschicht’ von dem unschuldig verurteilten Amtsschreiber Matthias Freudhofer in Österreich zwischen 1900 und 1930 an. Nach seiner 20-jährigen Kerkerhaft kommt der fortan als frommer Bettler umherziehende Matthias so tatsächlich in eine fremde Welt – und wirkt umso verlorener. Schlüssig und detailfreudig inszeniert, etwas unruhig abgefilmt, bietet die Capriccioproduktion Licht und Schatten des Stadttheateralltags: Jürgen Müller in der Titelrolle bietet viel Einsatz und angestrengte Spitzentöne, der Rest ist typgerecht besetzt und Alfred Eschwé müht sich im Graben nach Kräften, das zweitklassige Orchester zu animieren.

Jörg Königsdorf, 24.03.2007



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