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Joseph Martin Kraus

Complete German Songs

Birgid Steinberger, Martin Hummel, Glen Wilson

Naxos, 8.557452
(63 Min., 8/2004) 1 CD

Von Haydn als "Genie" und von Musikwissenschaftlern als "ein Meister des klassischen Klavierliedes" bezeichnet worden zu sein, lockt heutige Musikverlage noch längst nicht hinter dem Ofen hervor: Bis heute gibt es noch keine Ausgabe des Liedschaffens von Joseph Martin Kraus (1756-1792). Aber vielleicht bereiten die Kraus-Fans von Naxos mit dieser ersten Gesamteinspielung seiner deutschsprachigen Lieder der Ignoranz mal ein Ende. Die Texte der Lieder führen uns mitten in Kraus’ Göttinger Studentenzeit, dem Wendepunkt im Leben des Komponisten. Damals lernte der musikalisch wie literarisch hoch begabte Jurastudent den Göttinger Hainbund und dessen Mitbegründer Johann Friedrich Hahn kennen. Es war ein schwärmerischer Freundschaftsbund zorniger junger Männer, die gegen den kühlen Rationalismus der Aufklärer wetterten, gegen Autoritäten und Konventionen aufbegehrten, um Eichen tanzten, das Landleben priesen, keusche Mädchen verehrten und innige Freundschaften unter einander pflegten. Der Antikenbegeisterung ihrer Zeit setzten sie einen trotzigen nordischen Patriotismus entgegen. Über die Hainbündler lernte der kritische Kraus aber auch Matthias Claudius kennen: Der sympathisierte zwar mit den jungen Dichtern, wusste aber das Pathos des Bundes auch mit Ironie und gespielter Naivität zu brechen. Die Klavierlieder, die Kraus vor allem auf Texte von Claudius und einiger Hainbündler komponierte, sind daher vielfältig: Durchkomponierte pathetische Oden stehen neben einer Vielzahl unterhaltsamer Strophenlieder. Kraus zeigt sich dabei einmal mehr als erfrischend unklassischer Klassiker, dem Witz, Originalität und unmittelbarer Textausdruck im Zweifel über ausgewogene Formen gehen: Fällt das Wort "Pöbel", lässt er seinen Interpreten schon mal rotzfrech durch die Finger pfeifen, in "Daphne am Bach" überrascht er dagegen mit einer von Trugschlüssen sanft eingetrübten frühromantischen Melodie, derer sich auch Schubert nicht geschämt hätte. Ein berührendes Dokument ist die Ode "Der Abschied", die Kraus seinem Freund Johann Samuel Liedemann zum Abschied schenkte und die sowohl vom Text als auch in ihrer so düsteren Leidenschaftlichkeit die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe kühn überschreitet.
Die Interpreten tragen die meisten Lieder durchaus mit Sinn für differenzierte Deklamation vor. Schade ist nur, dass bei Birgid Steinberger Fokus und Intonation bisweilen zu wünschen übrig lassen; Martin Hummel wiederum verdirbt Witz, provozierenden Übermut und intellektuelle Schärfe vieler Stücke mit einem aufgesetzt leutseligen Papageno-Humor.

Carsten Niemann, 01.09.2006



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