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Fritz Kreisler

Stücke für Violine und Klavier, Streichquartett a-Moll

Nigel Kennedy u.a.

EMI 5 56626 2
(75 Min.) 1 CD

“Wie bei meinen Interpretationen der Meisterwerke von J. M. Hendrix war es nicht meine Absicht, die Stücke gedankenlos nachzubeten - ich habe es auf meine Art gemacht. Ich liebe diese Musik und hoffe, dass sie auch euch antörnt.” So Herr Kennedy im Originalton.
Im Blindhörversuch würde ich etwa zu folgendem Ergebnis kommen: Da erzeugt ein Gespann gut aufeinander reagierender Musiker anhand einer abwechslungsreich ausgewählten Folge von Kreisler-Bonbons sehr dichte, in sich stimmige Atmosphäre. Beim “Abklopfen” eventuell in Frage kommender Geiger schlösse ich dann allerdings alle “Großen” aus. “Dear Fritz” Kreisler persönlich, Shumsky, Grumiaux, Szeryng, Ricci, Rabin, Perlman: Von ihrem Raffinement, ihrer geigerischen Delikatesse, ihrem feinnervig artikulierenden Vibrato ist der Ausführende klar entfernt.
Angesichts der eindeutigen Qualitäten scheint unklar, ob er nicht kann oder nicht will. Eine durchgehend rustikale, rauhe, ungeschminkte, vielleicht auch als Ehrlichkeit gedachte Direktheit nährt den Verdacht, dass hier jemand auch den kleinsten Anschein von “keep-smiling”, von “so tun als ob” vermeiden will. Gefühle, Charme oder Sinnlichkeit zu zeigen scheint nicht seine Sache zu sein.
Nun kann man sich bei Kennedy nicht mehr in den Stand unvorgeprägter Hörerunschuld versetzen. Wenn jemand so hoch gehandelt wird und dadurch meinungs- und erfahrungsbildend wirkt, muss ein Rezensent einfach darauf hinweisen, dass Kennedy - bei ausdrücklicher Anerkennung und Hervorhebung seines Könnens, seiner Ideen und seiner Aufgeschlossenheit - schon rein technisch nicht an jene Schicht herankommt, die die Historie als die “Großen ihres Fachs” geadelt hat.
Nimmt man den ungleich gefährlicheren Bereich hinzu, der durch Begriffe wie Esprit, Kultiviertheit, Persönlichkeit umschrieben werden kann, sieht es mager aus. Auch hier muss ich offenlassen, ob es sich um ein Defizit oder um vorsätzliche, konstruktiv gemeinte, provokative “Umwertung aller Werte” handelt. Im Gegensatz zu den kleinen Stücken gewinnt Kreislers Streichquartett durch die Ungeschminktheit ungemein. Die Klarheit und Härte der Darstellung offenbart ebensolche Konturen und lässt das Quartett als Musik hoher Qualität erscheinen.

Wolfgang Wendel, 31.03.1998



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