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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 1, Adagio aus der Sinfonie Nr. 3 (1876)

Royal Scottish National Orchestra, Georg Tintner

Naxos 6 36943 44302 6
(75 Min., 8/1998, 9/1998) 1 CD

Die letzte Folge von Georg Tintners Bruckner-Zyklus, aufgenommen ein Jahr vor dem Freitod des Dirigenten, wartet mit einer Neuentdeckung auf, genauer gesagt sogar mit zwei. Zum ersten Mal wurde die unrevidierte Version der Urfassung von Bruckners Erster Sinfonie eingespielt. Die als "Linzer Fassung" bekanntgewordene Version ist nämlich in Wahrheit eine Revision, die Bruckner 1877, elf Jahre nach der Vollendung der Sinfonie, anfertigte. In seinen letzten Jahren revidierte Bruckner das Werk nochmals, doch diese "Wiener Fassung" wird nur äußerst selten aufgeführt.
Tintner präsentiert uns also Bruckners ungeschminkte Erste, die besonders im Finale von der späteren Revision abweicht. Seine breite und expansive, indes nie schleppende Interpretation lässt keinen Zweifel daran, dass es sich bei dieser Sinfonie um Bruckners erstes Meisterwerk handelt, das Werk einer abgeschlossenen schöpferischen Persönlichkeit, die sich im Vergleich zur nur wenige Jahre früher entstanden Studiensinfonie f-Moll (siehe Rezension) um Äonen weiterentwickelt hat.
Wie stets bei Tintner ist der musikalische Fluss aus dem kleinsten Detail heraus entwickelt. Besonders die ersten beiden Sätze stehen in Tintners Deutung den späteren Werken in nichts nach, sodass der paradoxe Fall eintritt, dass, obwohl Tintner als erster Dirigent die Urfassung einspielt, das Werk bei ihm mehr als je zuvor als Schöpfung der Reife erklingt.
Ergänzt wird die erste Sinfonie durch eine 1876 komponierte Version des langsamen Satzes der Dritten Sinfonie, die in keiner der insgesamt drei Fassungen des Werkes ihren Platz fand und die zumindest das Kennenlernen lohnt. Nun, da Tintners Bruckner-Zyklus postum vollendet ist, steht er als einer der gleichzeitig kompetentesten und individuellsten Beiträge zur Diskografie des österreichischen Sinfonikers vor uns.

Thomas Schulz, 22.06.2000



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