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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Joseph Boulogne, Chevalier de Saint Georges

Violinkonzerte - Folge 2

Qian Zhou, Toronto Camerata, Kevin Mallon

Naxos 8.557322
(65 Min., 4/2003) 1 CD

Ein virtuoser Geiger, jung, athletisch und exotisch schön, mit tief kaffeebraunem Gesicht unter der weißen Mozartperücke. Dazu ein Mann, der nicht nur im Konzertsaal mit eigenen Konzerten brilliert, sondern auch noch als Schaukämpfer bei Fechtduellen die Massen zu begeistern weiß - ja, auf den würden sich die Medien stürzen! Aber wie alle guten Marketing-Ideen ist auch diese schon längst da gewesen - und zwar in Gestalt des abenteuerlichen Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-Georges. Glücklicherweise war der um 1745 auf Gouadeloupe geborene, in Paris ausgebildete Sohn einer senegalesischen Sklavin und eines französischen Plantagenbesitzers als Künstler weitaus mehr als eine Eintagsfliege. Die Violinkonzerte dieses Mannes (der nebenbei die Uraufführungen von Haydns "Pariser Sinfonien" leitete) wird man jedenfalls auch dann noch spielen, wenn Nigel Kennedy längst vergessen ist. Er war ja auch im "richtigen Leben" weit mehr als ein Salonrevolutionär: 1792 kommandierte Saint-Georges ein Korps aus schwarzen Soldaten, wurde - weil er damit einmal keinen Erfolg hatte - eingekerkert und zog dann mit einem Hornisten nach Dan Domingo, bevor er 1799 in Paris starb.
Obwohl sie durchaus als Virtuosenfutter für den eigenen Gebrauch konzipiert sind, wirken die Konzerte auch im Vergleich, etwa zu Haydns Violinkonzerten, ebenso individuell wie die Persönlichkeit Saint-Georges. Verblüffend lange lässt der Schaukämpfer die Geige in den höchsten Lagen zwitschern und vergisst doch nie, das Ganze mit einer aparten Gegenmelodie zu unterfüttern. Anders als viele Zeitgenossen weiß er die Bläser mit Effekt einzusetzen und selbst die schwächste Stelle mündet in einer Melodie von mozartscher Eingängigkeit. Und damit ist noch gar nichts gesagt von den tief und singend empfundenen Mittelsätzen, von den melancholischen Trugschlüssen und Molltrübungen, bei denen einem außer diversen vergessenen Vorromantikern auch nur wieder Mozart als Vergleich einfällt ... All das wird mit seinen virtuosen Schwierigkeiten von Qian Zhou sauber und intensiv dargeboten, stilsicher und aufmerksam begleitet von der Toronto Camerata unter ihrem historisch informierten Leiter Kevin Mallon. Kurz: Einen ersten Soundtrack zu Saint-Georges abenteuerlichem Leben gibt es jetzt - wann kommt der Film?

Carsten Niemann, 02.10.2004



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