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Robert Schumann, Franz Liszt, Franz Schubert, Olivier Messiaen

Festival International d’Echternach

Cyprien Katsaris

Piano 21/Codaex P21 011, ND 320
(80 Min., 7/1979, 1988) 1 DVD, Format 4:3, DVD 5, PAL

Was überrascht, ist der Name Claude Chabrol auf dem Cover dieser DVD: Sollten Echternach, sein Musikfestival und seine Springprozession vielleicht in einen düsteren Kriminalfall verwickelt sein, der hinter dem massigen Mauerwerk der zahlreich vorhandenen historischen Bauwerke seinen Lauf nimmt? Der atmosphärische Vorspann mit Glockengeläut könnte darauf hindeuten. Aber nein: Chabrol zeichnet lediglich verantwortlich für den Mitschnitt eines Klavierabends von Cyprien Katsaris aus dem Sommer 1979, der im Rahmen des von Katsaris gegründeten Internationalen Festivals in Echternach gegeben wurde. Katsaris, jener vor allem in den Achtzigern populäre Klaviervirtuose, um den es seit geraumer Zeit recht still geworden ist, beginnt das Konzert mit Schumanns Kinderszenen, von denen er eine ausgesprochen geschmackvolle Interpretation abliefert, die sich vor allem durch expressive Oberstimmigkeit auszeichnet. Es folgt Franz Liszts Bearbeitung von Schuberts "Ave Maria", eines der typischen trickreichen Klavierkunststücke des sinnenfreudigen Abbés, in denen die Melodie, abwechselnd von den Daumen der beiden Hände gespielt, geheimnisvoll inmitten eines immer exzessiver rauschenden Klaviersatzes aufscheint. Dieses Stück war einst eine der Spezialitäten von Katsaris; es macht dem Zuschauer ungleich viel mehr Freude als eine anschließende weitere Bearbeitung Liszts, die das so genannte "Ave Maria von Arcadelt" (tatsächlich handelt es sich dabei um eine Bearbeitung einer Arcadelt-Chanson, die im 19. Jahrhundert ein Opernkapellmeister namens Dietsch angefertigt und für echt verkauft hat) zum Gegenstand hat und in ihrem Bemühen um meditativ-verzücktes Schauern zum Gähnen langweilig ist.
Bisher hatte Claude Chabrol eigentlich nicht viel anderes gezeigt als wahlweise die Hände des Pianisten oder den ganzen Katsaris und dabei dessen wohlbekannten leicht feisten Lausbubencharme eingefangen. Aber nun kommt er doch noch umfassender zum Einsatz: Während Liszts Trauervorspiel mit Marsch erklingt, sehen wir plötzlich Herrn Katsaris angespannt durch eine (Echternacher?) Waldgegend irren, bis er plötzlich auf einen offen Sarg trifft in dem - er höchstselbst aufgebahrt liegt! Man stelle sich diesen Schrecken vor. Ein wenig Natur untermalt dann auch noch Messiaens "Regard de l’Église d’Amour": Hier werden etwa von Insekten angefressene Blätter eines Baumes in Nahaufnahme sichtbar. Insgesamt ist die technische Qualität der Aufzeichnung eher schlecht: Sieht man Katsaris’ Hände, sind Bild und Ton nicht ganz kongruent. Vor Beginn eines Stückes ist gelegentlich das gute alte "Vor-Echo", ein lästiges Phänomen aus der Ära der Schallplatte, zu erleben.
Ergänzt wird das Konzert durch eine Echternach-Doku von 1988, in der Stars von gestern wie Konrad Ragossnig, Aurèle Nicolet, Maurice André und Justus Frantz über den Bildschirm geistern und offizielle Schirmherren bzw. -damen ganz locker grauenvoll gestellte Statements abgeben. Für diesen Gruselstreifen allerdings ist Claude Chabrol nicht verantwortlich.

Michael Wersin, 11.12.2004



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