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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 8

Berliner Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt

Teldec/Warner Classics 8573-81037-2
(82 Min., 4/2000) 2 CDs

Eine zwiespältige Angelegenheit, dieses aktuelle Kapitel von Harnoncourts Auseinandersetzung mit Bruckner. Das Ungewöhnliche daran beginnt schon mit der Wahl der Fassung. Wie die meisten Dirigenten entschied Harnoncourt sich für die zweite Version von 1890 – zu Recht, denn im Gegensatz zu den Überarbeitungen einiger seiner anderen Sinfonien fand Bruckner in der Zweitfassung der Achten zu durchdachteren, dramaturgisch überzeugenderen Ergebnissen – wenn auch nicht in allen Punkten.
Viele Bruckner-Interpreten dirigieren allerdings die Version, die Robert Haas in den dreißiger Jahren zusammenstellte; sie ergänzt die revidierte Fassung mit einigen Passagen, die Bruckner selbst – nicht unbedingt zum Vorteil der architektonischen Schlüssigkeit – aus der Urfassung strich. Harnoncourt hingegen wählt konsequent die von Leopold Nowak edierte Fassung letzter Hand – trotz der Striche. Er begründet dies einerseits mit der leichteren Fasslichkeit dieser Version, andererseits mit der grundverschiedenen Instrumentation der Erst- und Zweitfassung, die bei Haas' zusammengesetzter Partitur zur klanglichen Uneinheitlichkeit führt. Diese Argumentation besitzt – unabhängig vom Wert der gestrichenen Passagen – Hand und Fuß.
Harnoncourts Plädoyer für Bruckner à la Nowak vermag zuerst auch durchaus zu beeindrucken. Die Temporelationen, vor allem im schwer zu interpretierenden, expansiven Finale, sind durchweg stimmig, und der Dirigent hetzt auch nicht durch die Partitur wie unlängst Boulez mit den Wiener Philharmonikern (siehe Rezension). Wie stets bei Harnoncourt ist das motivische Geflecht des großbesetzten Werks mustergültig aufgeschlüsselt, und er interpretiert dynamische Höhepunkte stets aus der formalen Struktur heraus, nicht als oberflächlich-ekstatische Glanzlichter.
Wenn es jedoch um die Phrasierung geht, die Entwicklung der wie stets bei Bruckner von langem Atem geprägten melodischen Linie, bereitet mir Harnoncourts Sichtweise große Probleme. Bei ihm verliert sich – zumindest im Kopfsatz und im Adagio – das Thema meist in kleinsten Motiveinheiten, wird also in kleinste Einzelheiten zerstückelt. Der große Bogen geht dadurch verloren. Besonders extrem wirkt sich dies am Beginn des Adagios aus: Der breit fließende Rhythmus der Streicher besteht hier vorwiegend aus isolierten Einzelakkorden, wodurch die Vortragsbezeichnung "langsam, doch nicht schleppend" ad absurdum geführt wird: Schleppender hat diese Musik auf mich selten gewirkt.
Was Nikolaus Harnoncourt am besten liegt, ist Bruckner in aggressiver Stimmung: So überzeugt das Scherzo in seiner Interpretation trotz sehr raschen Tempos am stärksten. Nichts vom "deutschen Michel", den Bruckner in diesem Satz charakterisiert haben will, ist hier zu spüren. Oder das Finale: Das durchaus vorhandene Element des Martialischen, Brutalen gar, arbeitet Harnoncourt gnadenlos heraus (man höre nur die Pauken kurz nach dem Beginn!). Andererseits erklingt bei ihm die grandiose Coda nicht als jene nur mit äußerster Kraftanstrengung erreichte thematische Zusammenfassung all dessen, was vorausgegangen war, sondern einfach nur als lauter, triumphaler Abschluss.
Könnte es sein, dass Harnoncourt, trotz gewissenhafter Auseinandersetzung mit dieser Riesenpartitur, letztlich gar nicht so sehr von ihr überzeugt ist, wie man es sein sollte, wenn man sie dirigiert?

Thomas Schulz, 26.04.2001



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