Der Albumtitel "My Tunes" mag Assoziationen an schnell konsumierbare Ohrstöpselmusik zum Herunterladen aufkommen lassen – zumal auch die Titel, die der Cellist Jan Vogler präsentiert, durchaus gefällig sind und überdies Popsonglänge kaum überschreiten. Doch in Wirklichkeit wäre es bei dieser Auswahl aus einigen von Voglers Lieblingstücken um jede überhörte Note und jedes komprimierte Bit schade: Schon allein, wenn der Cellist Ernest Blochs "Prayer" mit seinem wunderbar kontrollierten Vibrato in der Höhe ersterben lässt, möchte man ihm bis zur letzten Schwingung folgen. Überdruss am Populären stellt sich schon deswegen nicht ein, weil Vogler und die ihn begleitenden Dresdner Kapellsolisten schwelgende Emotionen auf engstem Raum zu dosieren wissen und Momente der Hochspannung immer wieder aus Gelassenheit erwachsen lassen. Ganz gleich, ob es sich dabei um Mancinis "Moon River" oder ein Arrangement von Bachs Arie "Ich freue mich auf meinen Tod" handelt: Vogler behandelt jedes Stück als wertvolle Miniatur, die der wiederholten, konzentrierten Betrachtung standhalten soll. Im Gegensatz zu Voglers früherem Instrument, einem Guarneri-Cello, klingt das hier verwendete Instrument von Montagnana wärmer und sanfter. Doch auch davon lässt sich Vogler nie zur Schwülstigkeit verführen. Trotz des leidenschaftlich tiefen Atems seiner Melodiebögen wahrt der Cellist im Ausdruck immer eine kluge, elegante letzte Distanz. Und gerade sie ist es, die immer wieder den merkwürdig berührenden Eindruck hervorruft, hier weine nicht ein von seinen eigenen Gefühlen hingerissener Künstler, sondern das Instrument selbst.

Carsten Niemann, 17.03.2007



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