Dass die Zarzuela die spanische und hispano-amerikanische Spielart des unterhaltenden Musiktheaters mit Tendenz zur Operette sei, ist zwar ein landläufiger Definitionsversuch, stimmt aber nicht ganz. Auch bei der iberischen Schwester der (nur wenig älteren) Opera italiana darf sich Schmerz auf Herz reimen; wo Liebe im Spiel, ist Gevatter Tod nicht weit weg; manches Stück kann furchtbar traurig sein und endet gelegentlich auch tödlich. Die Arienauswahl, die Rolando Villazón und (der diesmal dirigierende) Plácido Domingo getroffen haben, stammt aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die letzte und jüngste Nummer sogar von 1998. Wie es scheint, hat das Genre zumindest im letzten Jahrhundert keine grundlegenden stilistischen Wandlungen gesucht, für alle auf dieser CD versammelten Arien gilt ein verbindliches Zarzuela-Idiom. (Die Verse bezeugen übrigens bemerkenswerten poetischen Ehrgeiz.)
In einer Vorbemerkung im Booklet erinnert auch Villazón voller Überschwang der Tage (und Nächte), als diese Aufnahme entstand. Natürlich, bei zwei Mexikanern, deren einer zudem in Spanien geboren wurde, können Hand und Kehle nicht umhin, zarzuela-authentisch zu sein. Wenn Villazón allerdings den dramatischen Ausdruck und dann noch die Stimme höher und höher treibt, zeigt er zwar beträchtliche Luftreserven, legt aber auch zu viel Druck dahinter. Führung und Farbe der Stimme leiden darunter, die Intensität schwächt sich eher ab, der Glanz trübt sich ein, die Gefahr eines ins Schlingern geratenen Vibratos deutet sich an. Wann immer Villazón verhalten singt, seiner Stimme einen eigenen Atem, eine eigene Schwingung zugesteht, hat er eindrucksvolle Momente, wie in einigen Passagen der Arien von Vives, Torroba und Guerrero. Den Dirigenten Domingo zeichnet seit Jahrzehnten derselbe Vorteil aus: Mit seinem Orchester steht er dem Solisten nie eigenwillig im Wege.

Karl Dietrich Gräwe, 21.04.2007



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